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MERKUR 63. Jahrgang, Heft 11, November 2009 Kritik
«Ich ergreife den Strohhalm nicht» Die jungen Altersgedichte der Dagmar Nick Von Hartmut von Hentig In den sechziger und siebziger Jahren waren Gedichte von Dagmar Nick «Geheimtipps». Da sie in großen Zeitungen – der Frankfurter Allgemeinen und der Zeit – im Abstand von weniger als vierzehn Tagen abgedruckt wurden, waren sie das natürlich nicht. Vielmehr schmeichelten sich die Leser, die sie einander empfahlen, mit der Kennerschaft der wenigen, die Smaragde von grünem Glas unterscheiden können. Hinter dieser selbstbewussten Einschätzung steht gleichwohl die spröde Wahrheit, dass es nur wenige große Gedichte gibt, die alle Menschen gleichermaßen berühren. Hunderte ebenso große Gedichte erwerben sich diesen Rang durch die Anstrengung, die sie dem Hörer zumuten – ein Erschrecken oder eine Seligkeit, zu der nicht jeder fähig ist, einen Trost oder ein Wissen, dessen nicht jeder bedarf, eine Beunruhigung oder Entblößung, die nicht jeder verträgt, eine Erinnerung oder eine Ahnung, die naturgemäß nicht jeder teilen kann. Die Gedichte, die Dagmar Nick in ihrem dreiundachtzigsten Jahr vorgelegt hat, könnten zu diesen gehören. Der Titel Schattengespräche ist keine Metapher: Dagmar Nick hält darin Zwiesprache mit dem Hades, den großen Gestalten des Mythos – mit Kirke und Odysseus, mit Prometheus und Pandora, mit Aktaion und den Sirenen –, mit ihren toten Geliebten «längst in der Überzahl» und den «Keimlingen unter den Freunden», mit sich selbst in vorweggenommener Entrückung. Warum sollte einer, der dem Tod noch fern ist, daran teilnehmen, wem außer ihresgleichen teilt Dagmar Nick dies alles mit, wen erfreut oder belehrt dies worüber? Dagmar Nick dürfte antworten: Dazu sind Gedichte nicht da. «Aus meinen großen Schmerzen / mach ich die kleinen Lieder», habe Heinrich Heine gesungen – «jetzo in der Dunkelheit; / klingt das Lied auch nicht ergötzlich, / hat's mich doch von Angst befreit.» Das sei Dichterbrauch – ein bescheidener oder arroganter – von Theokrit bis Goethe. Gedichte sind ein Versuch, das eigene Glück oder Leid zu bannen, das Flüchtige festzuhalten, die Versteinerung aufzuheben, die unheimliche Stille mit menschlicher Stimme zu füllen, das Unsagbare doch zu sagen. Aber indem dies einem Gedicht gelingt, weckt es auch im anderen eben diese Bedürfnisse, befähigt ihn zu diesen Möglichkeiten. Ein Gedicht der Dagmar Nick, das beispielsweise in der Zwiesprache trotzig und kühl den Zwiespalt entdeckt: «Dir zur Seite, / mein lahmendes Herz, stehe ich / unberührt... / betrachte ich dich / als etwas sehr Fremdes, eine Ruine / in ausgemergelter Landschaft, / von einem Sperling bewohnt... / Ich rufe ihn nicht. / Ich überlasse ihn dir. / Wir haben uns längst getrennt» – ein solches (hier verkürztes) Gedicht tut mir gut, nicht nur «für den Fall, dass mir eben dies passiert», vielmehr, indem ich es lese, passiert es mir. Die alten Griechen wussten: Sich im anderen erkennen, macht uns heimisch in der Menschheit. Gespräche mit Schatten sind die hier versammelten Gedichte der Dagmar Nick und dadurch schattenhaft, aber es liegt auch Schatten auf ihnen – Abendschatten, Abschiedsschatten, Schatten des unabweisbaren Endes, der Einsamkeit, der Entbehrung. Die Melancholie, die Gottfried Benn aus dem verfallenden Dasein, dem «Herbst», dem untergehenden Äon saugt, erwächst bei Dagmar Nick aus ihrem eigenen Inneren, aus dem Selbstzweifel und der Selbstabsage. Während Benn seine Melancholie in die Arme schließt, hält Dagmar Nick der ihren stand. Bei ihr vernimmt man kein «ach!». Die Anlässe und zugleich Mittel ihrer hellsichtigen Selbstbeobachtung sind vielfältig. Da ist ein offenbar schwerer Unfall: der Asphalt «Wie er hochklappt vor mir / vom Boden zur Stirn». Sie widmet ihm ein Dankgebet: «Meine Zwangsuhr hast du / zerbrochen, meine Zeit / in den Wind gehängt, Freiheit / mir übergestülpt: ein Glassturz, / … Ich will mich nicht einmischen. / Aber zuweilen stoße ich / an die lichtdurchlässige Grenze.» Ein Gedicht dieser Serie heißt Vor der OP; darin berechnet sie ihre «Hinterlassenschaft: / eine Schaufel Wortschutt / in extraterrestrischer Sprache». Nach der Operation notiert sie zugleich staunend und einwilligend: «Die Schmerzspur, verzottet / im Narbengeflecht, wie bleibt sie, / wie bleibt sie mir treu.» Ein anderer Anlass für Tapferkeit gegen sich selbst, gegen die einschmeichelnde Trauer, ist der Blick in den Spiegel: «Die Maske hat ausgedient, / zerschlissnes Gewebe. Freigelegt / ist das Konterfei eines Fremden, / auf Haltbarkeit abzutasten, morgens». Wer sich – nicht nur im hohen Alter – nicht ausweicht, der kennt die Versuchung, die «Sich davonschleichen» heißt; der verachtet die «Besserwisserin Hoffnung»; der nimmt sich vor: «Halten wir uns an die Erde, / die klaffende Wunde / unter dem Fundament, / verteidigen wir, heillos / gegen uns selbst, das / was uns trägt»; den schreckt die Einsicht nicht «Immer lande ich / in fremden Äckern ungewollt» und «Immer / steh ich am falschen Ufer, / peile die andere Seite an / und kenne nicht / die Entfernung»; der fragt misstrauisch «Zu welchen / Wirklichkeiten wechselst du / über?»; dem macht es nichts aus, «wurzellos» zu sein, «keinem / Stück Heimaterde verpflichtet»; der hält am Ende den «Prüfblick» aus, den «Vorwurf zu lange / gelebt zu haben / in täuschender Zeit»; dem ist die Endgültigkeit Erlösung «Das hab ich mit mir geschleppt. / Das habe ich abgeworfen, jetzt. / Endlich.» Dagmar Nicks Entschlossenheit ist ohne Grimm und Groll. Wehmut und Weisheit nehmen dieser alle Härte und lassen doch ihre Festigkeit bestehen: «Alle Häfen / waren am schönsten beim Lichten / der Anker». Dagmar Nick verwandelt die Schwerkraft und die buchstäbliche Hin-Fälligkeit in eine erträgliche Bewegung, in die Flucht nach vorn. Das glückt ihr vornehmlich aus dem extremsten Anlass der Selbst-Erkenntnis, aus der Agonie und dem Todesmoment. So heißen die beiden ersten Gedichte eines abschließenden Zyklus. Hier gewinnt sie in ihrem «vom Winter umzingelten Haus» die Klarsieht und Kraft der Entsagung. Die weiteren Gedichte haben Überschriften wie Die Brücke, Zweisamkeit, Kreislauf, März oder auch Bittversuch. Man fürchtet, Dagmar Nick werde sich mit den in diesen Wörtern enthaltenen Tröstungen arrangieren. Ihre Schattenpartner bleiben unbestimmt; die einzelnen Metaphern sind stark und hermetisch; ihre Botschaft aber lautet eindeutig: «Ich ergreife den Strohhalm nicht.» «Ich solle die Brücke / nehmen, sagtest du / kurz vor dem Tod, und / ich weiß nicht, welche.» Dagmar Nick «weiß» die Brücke nicht, aber sie begeht sie: Die Brücke ist das Gedicht selber – letzter Anlass und letztes Mittel der Selbstwahrnehmung. Dem zerrinnenden Dasein, den unbeantwortbaren Fragen, der Sehnsucht nach «dir», einem «Halt», «ein wenig Erkenntnis» gibt sie Ausdruck, gibt sie Form. Den «brüchig gewordenen», den «ungewichtigen», den ihrer «Fliehkraft» unterworfenen Worten, «die ich für meine Besitztümer hielt», vertraut sie sich dennoch an. Sie nimmt das Angebot der Sprache auf, folgt ihrem Hintersinn, bejaht ihre Bloßstellungen, willigt in ihre Ermüdung ein: «(Erinnerung) poliert vom langen Vergessen», «die unverhohlene / Macht des Geringen», «das Lallen der Ohnmacht», «meine abgehungerte Hoffnung» … Ein Findling reiht sich an den anderen. Dagmar Nicks Sprache ist rhythmisch, anspielungsreich, anspruchsvoll. Adyton, Zikkurat, Marranen mutet sie dem Leser ohne Weiteres zu. Ihre Bilderwelt ist universal – kein Wunder, ist doch ihr Auge auf Reisen geschult, von denen sie uns kostbare Berichte heimgebracht hat. Ihre Zitate reichen von Wolf Wondratscheks Früher begann der Tag mit einer Schußwunde bis zu «death is so permanent». Urknall und Soundtrack werden so präzise eingesetzt wie «die Rampe» oder die Rückkehr des Volkes Israel aus dem Exil: «die ihrer Verbannung / entkamen, den Euphrat rechtzeitig / hinter sich ließen … / Ihre abgelaufenen / Schutzbriefe trag ich mit mir.» Der Leser, der damit nicht vertraut ist, bleibt draußen. Ihn mag trösten, dass kein Gedicht länger ist als eine halbe Seite; nur zwei von ihnen sind gereimt und steigern dadurch ihren bennschen Zauber. (Dass Dagmar Nick auch manches bennsche Requisit mit sich führt – Asphalt und Asphodelen, Stylobathe und Labyrinthe, Apokalypse und Metamorphose, Tritonen und Chimären –, fällt dem auf, der viele ihrer Gedichte hinter?einander liest.) Im voraufgehenden Gedichtband Gewendete Masken (1991–1995) gab es gar kein Reimgedicht; in Gezählte Tage (1986) immerhin fünf. Geht man in den insgesamt sechs bei Rimbaud erschienenen Bänden spazieren, in denen Dagmar Nicks Gedichte nach Entstehungsepochen geordnet sind, nimmt man wahr, dass alle Themen des letzten Bandes schon immer vorgekommen sind – Verlust und Verstummen, Überleben und Todesnähe, die Anker und der Spiegel, die andere Seite und die falsche Seite, die alten Griechen und die alten Juden, der Geliebte als Schatten («Was weißt du von mir») und der Geliebte, der sie nicht mehr hört, das «Längst / habe ich mein Besitztum / verschenkt» und das «Wieder von Anfang lerne (ich) / zu lieben, was mir / nicht gehört». Aber jetzt, in Schattengespräche, verzichtet Dagmar Nick auch auf die «Uferschwalben», die den Weg wissen, auf den listigen Trost «Die Entfernung bringt dich / nur näher», auf den «Hermes», der «meine Zeit nicht weiß, / meine Wege nicht – / aber den Ausweg», auf die Gewissheit «Am Ende ist auch die Trauer / ohne Gewicht», auf die Vermutung «die Schüsse während der Nacht / brauchen nicht dir zu gelten». Nein, in diesem Band gelten sie ihr – und sie duckt sich nicht. Dagmar Nick: Schattengespräche. Aachen: Rimbaud 2008. 80 S.
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