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Bücher-Magazin Oktober/November 6·2008
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Verhinderte Bestseller Vorn in den Bestsellerlisten landen oft laute, provokante Titel. Richtig gute Bücher schreiben oft die leisen Autoren – Autoren wie Reinhard Kiefer. Jeder, der schon einmal von einer Illusion Abschied nehmen musste, findet bei ihm Trost. Inmitten all der Selbstvermarktungsgenies, die den Literaturmarkt mit cleveren Werbestrategien und wohl inszenierten Kampagnen erobern, gehen sie beinahe unter. Aber es gibt sie noch: Schriftsteller, die aus innerer Notwendigkeit Literatur erschaffen, Wörter zu Kunstwerken formen. Zu ihnen gehört Reinhard Kiefer, dessen Werke seit 1981 in dem kleinen, edlen Rimbaud Verlag erscheinen – ein Verlag, der sich für randständige, unterschätzte Autoren einsetzt. Kiefers Roman «Halbstadt» (2006) findet man weder in den Bücher-Rankings noch in den Auslagen der Bahnhofsbuchhandlung, und selbst Amazon hat ihn nicht mehr im Sortiment. Was soll’s: Die guten Dinge aus dem Manufactum-Katalog sind schließlich auch nicht im nächsten Kaufhaus zu haben. Mehr Leser wünscht man Reinhard Kiefer trotzdem. Denn «Halbstadt» könnte nicht nur das Lieblingsbuch aller Nostalgiker und Kulturpessimisten werden, sondern auch all jener, die die 80er-Jahre erlebt haben, sich an Tschernobyl und die Barschel-Affäre erinnern, an den Sturz von Bundeskanzler Schmidt, die Entführung der Landshut, Khomeini in Paris, den Fall der Mauer, aber auch Fury und Lassie. Wie bei allen guten Büchern ist es unmöglich, sich «Halbstadt» allein über eine Inhaltsangabe zu nähern. Kiefers Helden sind jung und voller Sehnsucht. Sie leben Anfang der 80er in Verhältnissen, die man heute als prekär bezeichnen würde. Sie versuchen sich als Künstler – und scheitern. Der Schriftsteller Toni Klingson katalogisiert die Bibliothek eines Schlossbesitzers; seine Dichtkunst «beschränkt sich darauf, Buchtitel auf Karteikarten zu schreiben». Der Maler Alexander Müller hat mehr Glück, er darf eine Schlosskapelle mit neuen Bildern ausstatten, und Veronika Vogler versucht sich als seine Agentin. Doch die Hoffnungen zerplatzen, und am Ende ist Klingson froh, mit Mitte dreißig noch «eine einigermaßen interessante Stellung gefunden zu haben». Groß sind die Träume vom unbürgerlichen Leben, klein und eng ist die Realität, bitter die Trauer um die verlorene Jugend. Eine Geschichte also, die jeder schon einmal gehört hat, diesmal aber auf eine unnachahmliche Weise erzählt. Kiefer lässt seine Figuren die Welt durch unterschiedlich getönte Gläser betrachten, gönnt jedem eine ganz eigene Perspektive, stellt niemanden bloß. Jeder, der schon einmal von einer lange gehegten Illusion Abschied nehmen musste, findet hier Trost. Kiefers bedächtige, langsam voranschreitende Prosa ist ein Gegengift zu Werbeschrott, Medien-Gedröhne und dem lauten Literaturbetrieb, in dem seine Stimme überhört wird. «Halbstadt» ist ein Geheimtipp, untergegangen in der Flut der Neuerscheinungen. Und Reinhard Kiefer steht beispielhaft für jene Autoren abseits des Mainstreams, die aus Liebe zum Schreiben unbeirrt weiterarbeiten. Und wenn der Ruhm doch noch einsetzt, wäre das nur gerecht: Denn ein Schriftsteller mit Maßstäben braucht kein Profi der Selbstvermarktung zu sein. Reinhard Kiefer, 1956 in Nordbögge (Westfalen) geboren, studierte in Aachen Germanistik und evangelische Theologie. Er promovierte und habilitierte sich ebenfalls in Aachen, wo er seit 1998 als Provatdozent für Neuere Deutsche Literaturgeschichte lehrt. Seine letzten Veröffentlichungen: «Thomas Mann. Letzte Liebe», Erzählung (2001); «Café Moka. Nachschreibungen zu Agadir» (2003); «nur die fenster im blick», Gedichte (2005); «Halbstadt», Roman (2006). Seine Bücher erscheinen im Rimbaud Verlag, dort kann man auch seinen Roman «Halbstadt» bestellen. Andrea Neuhaus Reinhard Kiefer: Halbstadt. Roman. Rimbaud Verlag, Aachen 2006. 372 S.
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Bestellung via info@rimbaud.de
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