Allgemeine Zeitung Mainz         22. Januar 2003

Rettung nur am Abgrund

In poesiefeindlicher Welt: der Dichter und Förderer Karl Schwedhelm

Von Alexander Losse

Endzeitliches, verbunden mit Bildern fremd leuchtender Natur, mit Mythen vorchristlicher Welten, mit Hotelzimmern oder einer flatternden Zeitung am Kiosk: Daraus wob Karl Schwedhelm (1915–1988) seine Gedichte. Sein einziger Gedichtband «Fährte der Fische» (1955) hält wohlgereimt die Momente des Verschwindens fest, überblendet das individuell Erlebte mit dem Übergang der Geschichte in eine andere Welt – und fragt nach dem Bleibenden.

Dem Werk Schwedhelms hat sich der Rimbaud-Verlag mit einer schönen Gesamtausgabe angenommen, die erstmalig auch den Essayisten, den lyrischen Übersetzer, den literarischen Vermittler und Förderer würdigt. Der 7. Band «Freundschaft» wurde jetzt in der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur vorgestellt, der Schwedhelm seit 1973 angehörte.

Die Briefwechsel mit Gottfried Benn und Nelly Sachs ergänzt «Freundschaft» um den Briefkontakt Schwedhelms mit Claire Goll einerseits, mit Paul Celan andererseits. Auf die Plagiatsaffäre zwischen der Witwe Iwan Golls und Celan fällt ein neues Licht, wie Herausgeber Bernhard Albers im Nachwort scharf betont: Der Rundfunkredakteur Schwedhelm hatte den unbekannten Celan auf Empfehlung Claire Golls 1952 mit einer Sendung bei Radio Bremen vorgestellt. Celan verwendete Schwedhelms Besprechung von «Mohn und Gedächtnis» (1952) dann für den Schutzumschlag des Gedichtbands, wodurch Schwedhelm unfreiwillig in die Affäre geriet. Eine teils durchaus brisante Korrespondenz also, die hier neben anderen Porträts steht.

Mitherausgeber Reinhard Kiefer stellte mit einer Gedichtinterpretation Einflüsse Gottfried Benns und Wilhelm Lehmanns und das Eigentümliche der Lyrik und Poetologie Schwedhelms heraus. Die «Rettung des Gedichts», die Überwindung der subjektiven Befindlichkeit ist für Schwedhelm «nur am Abgrund möglich» – und die poetisch anverwandelte Welt «die Ambivalenz, Wortloses mit Sprache ausdrücken zu müssen».

Karl Schwedhelm: Freundschaft. Briefe und Texte. Werke Bd. 7
Rimbaud Verlag, Aachen 2003. 64 Seiten, gebunden.

 

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