NZZ vom 2. Juni 2001    Feuilleton

Im Wort versteckt

Der Bukowiner-deutsche Dichter Moses Rosenkranz

Über Paul Celan wird vermutet, er wollte in seiner späteren Schaffensphase nicht mehr mit den jüdischen Bukowina-Dichtern assoziiert werden, weil er sie für zu provinziell hielt (Winfried Menninghaus). Gleichwohl hatte ihn in der Frühphase der fruchtbare Austausch mit ihnen mitgeformt. Dies belegen schon manche Metaphern aus der berühmten «Todesfuge» (1944/45), die sich auch bei Rose Ausländer, Immanuel Weissglas, Alfred Margul-Sperber und nicht zuletzt Moses Rosenkranz finden. Letzterer hatte bereits 1941 eine «Blutfuge» geschrieben. Dürfte der Provinzialismus-Vorwurf schon für die Erstgenannten nicht gelten, so verfehlt er Rosenkranz gänzlich. Lange Zeit gab es allerdings nicht einmal eine gesicherte Textgrundlage, um den verbreiteten Vorwurf gegen diesen unbekanntesten, neben Celan wohl aber begabtesten aller Bukowiner zu entkräften. Von drei vor dem Krieg in Czernowitz erschienenen und verschollenen Gedichtbänden sowie einigen Abdrucken in entlegenen Zeitschriften abgesehen, kamen erst 1986 und 1988 zwei Gedichtsammlungen in Deutschland heraus («Im Untergang» I/II). Seit kurzem bemüht sich der Aachener Rimbaud-Verlag um das Werk des Dichters, zuletzt mit der Erstveröffentlichung von Rosenkranz' «Kindheit. Fragment einer Autobiographie».

Moses Rosenkranz (geboren 1904) hat es einige Male unternommen, seine Autobiographie aufzuschreiben. In Bukarest schloss er Ende der fünfziger Jahre eine erste, nun vorgelegte Version der «Kindheit» ab, der 1981 und 1982 zwei weitere Fassungen sowie die Fortsetzung «Jugend» folgten. Doch weiter kam er nicht, offensichtlich aus prinzipiellen Gründen. «Die Realität meines Lebens entzieht sich jeder Möglichkeit einer Schilderung», bekannte er in einem Interview.

Tatsächlich verlief schon die Kindheit nicht in berechenbaren Bahnen, doch sie stellt den einzigen halbwegs überblickbaren Lebensabschnitt in einer abenteuerlichen Biographie und in einem geschundenen Leben dar. Aufgewachsen in einer armen Bauernfamilie in einem Dorf am Pruth, ertrug das Kind von Anfang an ein Dasein vieler Entbehrungen. Das bukowinische Sprachbabylon – zu Hause sprach man Jiddisch, Polnisch, Ruthenisch und Deutsch – liess es zudem jahrelang verstummen. Mit dem Einbruch des Krieges 1914 verflüchtigt sich noch der letzte idyllische Anschein; die Familie verliert den Hof und wird in die Flucht getrieben. Und doch fällt gerade in diese Zeit seine Bekanntschaft mit der deutschen Sprache und Literatur, eine Bekanntschaft, aus der zuerst eine innige, nach der Shoah eine enttäuschte, aber nicht aufgegebene Liebe wird. Das «Glück des lückenlosen Verständnisses in der Sprache» widerfährt dem Heranwachsenden zum ersten Mal mit einem Gedicht von Uhland. So gross ist seine rührende Begeisterung für das Deutsche, dass er im Alter von fünfzehn beschliesst, «dreissig ewig deutsche Gedichte» zu schreiben.

Doch an Poesie ist nicht zu denken: Im Elend der Nachkriegszeit muss der Knabe nach dem Tod des Vaters die Familie mit versorgen. Es folgen Jahre der Armut und des Herumirrens, als Tagelöhner und Fabrikarbeiter in Frankreich, dann als Soldat in der rumänischen Armee. Die einzige unbeschwerte Periode verbringt Rosenkranz im Bukarest der dreissiger Jahre als Graphologe, Übersetzer im Aussenministerium und Ghostwriter der Königin. Doch unter dem faschistischen Diktator Ion Antonescu muss sich Rosenkranz zuerst im Ghetto von Czernowitz aufhalten, schliesslich in einem Arbeitslager (1942–1944). Immerhin entkommt er der Deportation in den Tod. Als die Kommunisten nach dem Krieg an die Macht kommen, folgt ein noch grösserer Albtraum: Der sowjetische Geheimdienst verhaftet Rosenkranz, weil er als Mitglied des Roten Kreuzes deutschen Kriegsflüchtlingen (!) hilft, und deportiert ihn nach Sibirien. Zehn Jahre verbringt er im Gulag, «im Sturmgebraus der russischen Orkane», und überlebt nach eigener Angabe nur, weil er – ohne Stift und Papier – dichtet und das Gedichtete memoriert («Ich, Fahrer nicht himmlischer Höhen, / ich konnte vom Fleck nicht fort; / dem Tod im Schnee zu entgehen, / versteckte ich mich im Wort»). Gleiche Dienste leistet ihm die Literatur auch nach der Rückkehr in Rumänien, als er, politisch verfemt und von der Securitate verfolgt, zum Aussenseiter gerät («Zu mir kommt niemand zu Besuch / und mich erwartet niemand mehr: / Gestrichenem vom Lebensbuch / versagt die Welt die Wiederkehr»). Die Flucht in die Bundesrepublik Deutschland 1961 bringt nur wenig Besserung, er bleibt im westdeutschen Literaturbetrieb unbeachtet und unvernommen. Mittlerweile lebt der vor vier Jahren erblindete Rosenkranz, der letzte Überlebende der Bukowiner Dichter, zurückgezogen im Schwarzwald.

Im Rückblick stellt Rosenkranz fest, dass die zahlreichen Gedichte, die ihm seit der Jugend spontan einfielen, trotzige Reflexe auf den historischen Terror und somit blosse «Abfälle der Biographie» darstellen. An Autoren wie Mörike, Brentano und Rilke geschult, schrieb Rosenkranz fast durchweg Gedichte im formbewussten Kreuzreim, ganz ein Gegenentwurf zur Poetik des im Übrigen nicht sonderlich geschätzten Celan. Trotzdem haftet seiner Dichtung keine Sentimentalität an, weil sie mit schroffen und lakonischen Pointen immer wieder die allgegenwärtige Katastrophe ins Visier rückt, dem frühen Gottfried Benn ähnlich. Man mag sie eher als das verzerrte Echo der deutschen Klassik ansehen, das uns durch das Filter der Schrecknisse des 20. Jahrhunderts erreicht. Es ist zu hoffen, dass das umfangreiche und höchst originelle «Poetische Werk» – es liegt in acht Manuskriptbänden beim Dichter vor – bald einen Verleger findet.

Das nun erschienene Fragment «Kindheit» ist Rosenkranz' bedeutendstes längeres Prosawerk. In einer Mischung aus Autobiographie und pikareskem Roman schildert es die Zeit bis 1919: die vielköpfige Familie, die Entdeckung der Poesie, Kinderstreiche, erste Liebe, Weltkrieg, Flucht, Armut. Nichts wirkt beschönigt oder erfunden, im Gegenteil. Der Erzähler protokolliert und nimmt kaum Anteil an den eigenen, heiteren oder leidvollen Erlebnissen. Wenn trotzdem eine Dimension des Phantastischen mitschwingt, so ist sie allein der Sprache selbst zu verdanken. Sein Deutsch schreibt man heute kaum mehr: keine neu zusammengesetzten Wörter, gepflegte Wortwahl, punktiert von bäuerlichem Vokabular, sorgfältiger, komplexer Satzbau, parabelhafte, fast biblisch anmutende Darstellung. Antiquiert, provinziell ist dies nicht, eher archaisch, chthonisch, ein Gang zu den Müttern der Sprache und Literatur, Rosenkranz' eigentlichem Fluchtort.

Edward Kanterian

Moses Rosenkranz: Kindheit. Fragment einer Autobiographie.
Rimbaud-Verlag, Aachen 2001. 256 S., 18 Euro.

Moses Rosenkranz: Bukowina. Gedichte 1920–1997.
Rimbaud-Verlag, Aachen 1998. 192 S., 21 Euro.

 

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