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ZEIT ONLINE Literatur Mai 2008
Vergessene Autoren Bis wir lesen können, Analphabeten! Zu Beginn des 20. Jahrhunderts revolutionierte César Vallejo die spanischsprachige Lyrik. Alle Welt ehrt ihn, nur in Deutschland ist er weitgehend unbekannt. César Vallejo ist einer der bedeutendsten lateinamerikanischen Dichter des 20. Jahrhunderts. César wer? mögen manche fragen. Der Lyriker aus Peru fand leider in Deutschland bisher kaum Gehör, anders als Octavio Paz (Mexiko), Pablo Neruda (Chile) oder Vallejos prosaische Landsmänner José María Arguedas und Mario Vargas Llosa. Vallejo gilt als Neuerer der modernen spanischsprachigen Poesie. Er brach mit den Normen der Dichtkunst, war seinen Zeitgenossen immer einen Schritt voraus, kurz: César Vallejo war lyrischer Avantgarde-Import aus Übersee. Er lebte in Paris und starb auch dort im April 1938. Beginnen wir also in Frankreichs Hauptstadt, wo er seit Anfang der zwanziger Jahre arbeitete, als halbverhungerter Journalist. Er gab ein trauriges Bild ab, ständig kämpfte er ums Überleben. Sein Ende nahm er in einem Gedicht vorweg: Ich werde sterben in Paris, mit Wolkenbrüchen,
Vor dem Hintergrund, dass ein Großteil seiner Arbeiten in Paris entstand, erscheint es umso merkwürdiger, dass Vallejo im benachbarten Deutschland weitgehend unbekannt geblieben ist. Leichtfertig könnte man sagen: Gut, der Mann kam aus Peru, der hat es in Europa einfach nicht gebracht. Aber man täte ihm unrecht. Denn in Frankreich, Italien, England, sogar in den USA wird er längst als der gehandelt, der er war: ein großer Lyriker, der Bedeutendes für die spanischsprachige Lyrik geleistet hat. Seine Gedichte beeindrucken durch Einfallsreichtum und überraschende Bilder. Stets schwingt eine Melancholie mit, die sich dem Leser leise in die Brust spielt, selbst wenn der Verstand nicht mehr ganz folgen kann. Der Peruaner experimentierte, er suchte die Grenzen seiner Ausdrucksmöglichkeiten, wollte sich nicht von lyrischen Regeln einschränken lassen. Er kreierte Worte, löste in seinen Gedichten die gültige Einheit von Form und Inhalt auf. Wo schon Muttersprachler Verständnisschwierigkeiten hatten, standen Übersetzer vor einer großen Aufgabe. Was liegt mir an den Gewehren, hör,
Nicht nur Vallejos extravagante Sprache, auch «der Versuch, Europa und Peru, die Küste und die Anden, Avantgarde und Tradition in Einklang zu bringen, all dies führt zu einer Bildersprache, die peruanischen Lesern eher zugänglich ist als europäischen», erklärt der Lateinamerikahistoriker Peter Knost. Und dass Vallejo längst tot war, als der große lateinamerikanische Literatur-Boom in den fünfziger Jahren über Europa kam, könnte außerdem erklären, warum andere Schriftsteller, wie Gabriela Mistral (Chile), Miguel Ángel Asturias (Guatemala) und Gabriel García Márquez (Kolumbien), den Sprung geschafft haben und er nicht. Dies sollte den Leser aber nicht davon abhalten, sich Vallejos 1918 in Peru erschienenes Erstlingswerk, den Gedichtband Los heraldos negros (Die schwarzen Boten), aufzuschlagen, zum Beispiel Seite 9, Heilige Entblätterung. Es wird ihn tief berührt hinterlassen. Anschließend könnte man sich seinem wohl wichtigsten Band Trilce (1922) widmen. Die meisten Gedichte dafür entstanden im peruanischen Gefängnis, wo Vallejo wegen Beteiligung an politischen Unruhen einsaß. Schon in seinem Frühwerk brach Vallejo radikal mit der klassischen Poesie, spielte mit der Sprache und präsentierte sich als mutiger Wortakrobat. Der kubanische Schriftsteller Nicolás Guillén verehrte ihn sehr. In seiner Erinnerung war Vallejo ein «stiller, hagerer, groß gewachsener Mann, mit indianischen Gesichtszügen und dunkler, glatter Haut (…) Sein Tod schmerzte mich sehr. Ich bin ein großer Bewunderer seiner dramatischen Gedichte. Ich habe großen Respekt für sein trauriges, aufrichtiges, uneigennütziges Leben in Hunger und Rebellion. Ich glaube an ihn und halte ihn für einen der größten Dichter unserer Sprache.» (Aus: Poesía Completa, Mexiko 1979) Von seiner Heimat geprägt, kämpfte Vallejo auch in Europa für seine kommunistische Vorstellung von Gerechtigkeit. Mit Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 engagierte er sich energisch für die republikanische Seite und die spanische Bevölkerung. Solidarität mit den Leidenden prägte seine Lyrik: Es gibt im Leben so schwere Schläge … ich kanns nicht verstehn.
Seine Worte, sagte Vallejo, kämen aus dem Volk, aber vor allem seien sie an das Volk gerichtet.
Jetzt, unter uns, hier,
Komm zu mir, ja sicher! Und zu dir, ja sicher!
César Vallejo
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