AN Aachener Nachrichten     31. Januar 2011     Kultur

Hoch gelobt, viel dekoriert, wenig gelesen

Seit 30 Jahren geht der Aachener Rimbaud Verlag unbeirrt seinen Weg und setzt auf Anspruch und intellektuelle Herausforderung

von Jenny Schmetz

Aachen. Sein Orchester hängt an der Wand, links neben dem Schreibtisch. Ein Mosaik aus 28 Porträts in silbrig glänzenden Rahmen. «Das sind meine Lieblingsautoren», sagt Bernhard Albers und zeigt von einem Bild zum anderen, nennt Namen wie Reinhard Kiefer oder Jean Genet, erzählt Anekdoten, erklärt «geistige Zusammenhänge». Ein «Gesamtkunstwerk». Und Bernhard Albers ist der Dirigent.

Seine struppigen Silberhaare erinnern tatsächlich etwas an Karajan, das zwei Finger breite Bärtchen, das karierte Hemd und die gestreifte Strickweste eher weniger. Aber der 59-Jährige ist ja auch gar kein Dirigent, sondern Verleger. Seit 30 Jahren leitet er den Rimbaud Verlag in Aachen, einen «Spezialverlag», so nennt er ihn. In seinem Büro umgeben den Verlagskaufmann und promovierten Philosophen natürlich seine Bücher: rund 600 lieferbare Titel von 200 Autoren hat er im Programm – mit Preisen dekoriert, vom Feuilleton hoch gelobt, von wenigen gelesen.

Der Dichter als Instrument

Eine Zeichnung von Arthur Rimbaud (1854 bis 1891) steckt auch im silbrig glänzenden Rahmen. Das französische Jung-Genie, das der Literatur den Weg in die Zukunft wies, ist der «Ahnherr» seiner «Autoren-Familie», sagt Albers. Rimbaud kannte die klassischen Vorbilder, aber er fand eine ganz eigene Sprache. Traditionsgebunden, aber nicht traditionell – daran müssen sich Albers’ Autoren messen. Als sein einziger Lektor hat er so einen «vielstimmigen Klangkörper» zusammengestellt. Da ist er wieder, der musikalische Vergleich, ebenfalls von Rimbaud: der Dichter als Instrument.

Empfindlich kann so ein Instrument sein, weiß Albers. Es muss gepflegt werden. Der Verleger trifft sich oft mit seinen Autoren, reist zu ihnen – bis nach Jerusalem, und wenn sie in Aachen sind, übernachten sie auf seinem Sofa im Büro. Dort begegnen sich – wie bei Rimbaud – Tradition und Moderne: Jugendstil-Paravent und schwere Kiefernmöbel neben Faxgerät und Computer. Den Computer jedoch, sagt Albers, könne er im Grunde nicht bedienen. Auch Autofahren könne er nicht.

Krimi, Kochbuch, Kitschroman – sucht man in Albers’ Katalog vergeblich. Stattdessen: Lyrik, Prosa, Essays von Ernst Meister, Moses Rosenkranz oder Bernhard Albers. «Das können Sie nicht am Strand lesen», sagt der Verleger. Aber das Etikett «für literarisch Gebildete», das die Süddeutsche Zeitung dem Rimbaud Verlag verlieh, gefalle ihm nicht. «Das grenzt andere aus.»

Jedes Jahr bringt Albers 20 bis 30 Bücher heraus, mit einer Auflage von 300 bis 1000. Gut 300 000 Bücher wird er in drei Jahrzehnten wohl verkauft haben, schätzt er. Aber der Verleger betont, dass er keine «Verkaufsschlager» mache. «Ich lese ja auch keine Bestseller», sagt er. «Da fehlt mir das geistige Abenteuer.» Genauso wie Dschungel-Camp oder Regietheater auf der Opernbühne – nicht seine Welt. Das mag arrogant klingen, doch er fügt gelassen hinzu: «Wir wollen ja tolerant sein.» Er ist anscheinend kein Missionar.

Albers wirft keine Marketingmaschine für die Massen an. «Verlagsfeste, der Literaturbetrieb – das ist nicht meine Welt», sagt er. Bei der Frankfurter Buchmesse ist er nur an einem kleinen Info-Stand vertreten. Seit das Internet boomt, schaut der Verleger nur noch für einen Tag vorbei. «Da kommt der Bohlen hin, aber ich nicht.» Albers ist Außenseiter. Und das scheint ihm zu behagen.

Schon als 14-Jähriger war er Verleger. Obwohl es in seinem Elternhaus im Westerwald gar keine Bücher gab. Der Vater war Elektriker, die Mutter Verkäuferin, er selbst wollte ursprünglich Gärtner werden, bevor er als Hochbegabter entdeckt wurde, erzählt Albers. Bereits in der Volksschule habe er Mitschüler unterrichtet und seine eigenen Bücher gemacht, indem Schulbücher umschrieb.

Den Traum vom eigenen Verlag machte er dann am 2. Februar 1981 wahr, genau an seinem 30. Geburtstag. Auch beim Gründungsdatum stand das Dichter-Genie Pate: «Rimbaud hat gesagt: 30 Jahre, das ist die Hälfte des Lebens.» Eine Zäsur. 1983 kam Walter Hörner für alles Technische dazu. Zu zweit, mit ein paar freien Mitarbeitern für Design, Korrekturen und Herstellung, lenken sie den Rimbaud Verlag bis heute. Er schreibt schwarze Zahlen, aber leben kann Albers davon nicht. Seine zwei «Brotberufe» als Lehrer und Redakteur geben ihm den Freiraum für sein «Generalhobby»: seine GmbH.

«Das soll später mal kommerziell werden», sagt Albers. Später? «Nach mir», fügt er hinzu. Praktikanten habe er einige. Albers setzt auf einen Nachfolger. «Vielleicht kommt ja mal der Richtige.»

Infos im Internet:
www.rimbaud.de

Geburtstags-Lesung im Couven-Museum

Zum 30. Geburtstag des Rimbaud Verlags liest sein Gründer Bernhard Albers mit den Autoren Reinhard Kiefer, Christoph Leisten und Frank Schablewski am Mittwoch, 2. Februar, 20 Uhr, im Aachener Couven-Museum, Hühnermarkt 17. Gelesen werden Texte aus dem Verlagsprogramm, zum Beispiel von K. O. Götz und Ernst Meister. Der Eintritt ist frei.

 

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