Dove, Richard

(1954, Bath)

 

Über  Richard Dove

Richard Dove, 1954 in Bath geboren, lebt seit 1987 in München. «Richard Doves Gedichte ähneln kleinen Peilungsapparaturen, die das Chaos der Oberfläche erkunden und zugleich den feinen Stimmen der Tradition lauschen.» (Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung); «Dove bezieht sich nicht auf Tradition, um mit ihr zu prunken: Anspielung ist ihm vor allem Spiel. Er ist ein Liebhaber der Formen und Vernetzungen.» (Harald Hartung, Frankfurter Allgemeine Zeitung); «Der Aufenthalt im Unbekannten schärft den Blick: Dove notiert in seinen Gedichten den Zusammenstoss von Geschichte und globalisierten Zeichen.»

(Martin Zingg, Neue Zürcher Zeitung)

 

Werkausgabe

Dove, Richard

Am Fluß der Wohlgerüche

                 

Dove, Richard

Straßenbahn, Hiroshima

Sommermorgen, drückende Schwüle, Gequake von Fröschen In den Reisfeldern. Diesig, Konturen sind nicht zu erkennen. Glitzernde Blätter im Garten, ein Haiku von Altmeister Bashō, Eines Flugzeugs Motorenlärm und Zikadengesurre. Äquivalénz / spréng / kráft: Molossós für stärkere Nerven … Im Fall Uran rund zweihundert MeV/Spaltereignis … Bei der Abbremsung der Spaltbruchstücke entsteht Energeia: Ist n größer als 1, werden aus dieser ersten Spaltung Neue Spaltneutronen freigesetzt, die dann auch weitre Reaktionen auslösen; in nur einer Millisekunde Schaukelt sich, gleichsam lawinenartig, dieser Effekt hoch … «Beispiellos wäre, erhaben schön, die Wirkung zu nennen.» Pornographie? «Wir alle sind nun Hurensöhne.» Hinter der Gartenmauer blitzt plötzlich ein schreiendes Licht auf, Wie eine zweite Sonne doch stärker, gewaltiges Blitzlicht, Gelblichweiß, magnesiumweiß, und die Steinlaterne, Die dem Mond keine Konkurrenz ja bieten darf, leuchtet – Offenbarung zum Frühstück – geradezu apokalyptisch. Daidai, saure Orange, im Garten: Die eine Seite, Dem Epizentrum am nächsten, ist gleich nur noch bittere Schlacke; Sandstein-Buddha, das linke Auge, die linke Wange Schwarz, wie von einem Napalmklümpchen jäh angefallen.        

Dove, Richard

Syrische Skyline

In seinem vierten Gedichtband nimmt Richard Dove mit auf eine Fahrt durch das unwegsame, verminte Terrain unserer Zeit – der Zeit nach den Anschlägen des 11. September 2001. «Weitab wütet in wenigen Köpfen / der Kampf der Kulturen» heißt es im Gedicht Budapest ’06 in polemischer Wendung gegen gewisse westliche Kulturideologen; und darum wird in diesen geographisch weit ausgreifenden Gedichten immer wieder zu Verständigung, zu Versöhnung, zum genauen Beobachten aufgerufen. Syrische Skyline Sie hat nicht den brutalen Chic von New York City – kein silberner Turm, von Walter P. Kreußler, abtrünniger Ingenieur bei Ford, in den Himmel gerammt. In der Dämmerung wirkt die karstige Landschaft zart. Die Dörfer, quadratische Blöcke, kauern unter dem prächtig sterbenden Himmel – um acht Uhr dreißig ist er erloschen. Schemen überall: die einzige Gewißheit ist das pfefferminzgrüne Licht, das ziemlich verschwommen mit den Minaretten vorbeizieht. Das ist nicht cool, das ist nicht heiß, da gibt es keine Ingredienz, die süchtig macht: das ist ein crème de menthe für den ganz anderen Durst.