Wittner, Victor

(1896, Hertza- 1949, Wien)

 

Über Victor Wittner:

Victor Wittner wird 1896 in Herţa/Hertza (Rumänien, heute Gertsa in der Ukraine) in eine stark assimilierte jüdische Familie geboren, die bald danach nach Suceava in der Südbukowina, eine Stadt mit hohem jüdischen Anteil, übersiedelt. Dort besucht er das Gymnasium, ehe er 1914 nach Wien geht, um ein Medizinstudium zu beginnen. Ab 1918 lebt er als freischaffender Kulturjournalist in Wien. 1928 geht er nach Berlin und arbeitet im Ullstein-Verlag als Redakteur. 1933 muss er Deutschland verlassen und lebt wieder einige Jahre in Wien, nach dem «Anschluss» flieht er in die Schweiz. Er stirbt 1949 in Wien.

Werkausgabe

Wittner, Victor

LTB 118 - Sprung auf die Straße

Winterlied
Es schneit, es schneit! / Der Schnee weht weit / und legt sich lang. / Im Flockenschwang, / im Schlittenklang / verschwingt der Drang, / verklingt das Leid. /
Weiß wird die Zeit, / der Überschwang / Verschwiegenheit. / Der Lärm, das Leid / ist schnell beschneit, / der Schnee, der Schnee / verweht das Weh.

Wittner, Victor

LTB 123 - Der Mann zwischen Fenster und Spiegel

Der Föhn

Der Föhn hat die letzten Fetzen / Sommers aus Süden gebracht, / im Tag, dem entsetzten, setzen / fest sie sich, faulige Fracht. / Das Welklaub will frisch auf die Bäume. / Wir treiben in trägere Träume.

Wir ängstigen uns vor der Schwüle, / die schwärt mit schimmligem Schimmer. / Wir schließen die Fenster, die Zimmer / und küssen die Kühle.

Wittner, Victor

LTB 126 - Das Haarpfand

Gedichte aus dem Nachlass
(Lyrik-Taschenbuch Nr. 126)
(Bukowiner Literaturlandschaft Nr. 95)
Mit einem Nachwort von Markus Bauer
74 S., fadengeheftet, broschiert mit Klappen. 2021

ISBN 978-3-89086-290-3
Weitere Informationen
Voller Mond
Ein ungeheurer Mond

steht jäh auf unsrer Straße:

die Nacht verfällt zum Fraße

dem Tier, das auf uns thront.
Sein Licht fällt dicht und schont

die Dinge, wäscht sie weicher,

mit Milch und Silber bleicher.

Wir gehen mild auf Mond.
Die Mädchen wollen nicht

ins Haus hinein, sie stehen

gespannt auf ihren Zehen

noch lang und bang im Licht
und kämmen ihre langen

Haarlocken voll Verlangen.													  			
                                                    

Wittner, Victor

LTB 139 - Klüfte / Klagen / Klärungen

Wunsch
In Räume möcht' ich stürzen, ohne Ende,

ohn' Dach und Boden, ohne enge Wände,

und gleiten durch des Weltenraumes Kluft!

Hinab, hinab in ungeahnte Tiefen,

wo Sphärengeigen lockend nach mir riefen,

und mich umfinge wundersamer Duft ...
Losreißen möcht' ich mich von dieser Erde,

daß frei und rein und sorgenlos ich werde

und leichtbeflügelt wie der Frühlingswind!

Daß nicht der trübe Alltag mich gefangen,

geknechtet hielte: dies ist mein Verlangen! -

... Ob ich den Weg wohl einmal, einmal find'?
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Mit diesem Band wird das lyrische Debüt des Dichters zugänglich gemacht. Der Abdruck der Gedichte in dieser Ausgabe entspricht der im Leipziger Sphinx-Verlag 1914 erschienen Originalausgabe.