Bretonische Inseln
Die überlebenden Juden aus Czernowitz wurden in alle Himmelsrichtungen verstreut. Ihr Erbe trugen sie mit sich: die deutsch-jüdische, bürgerliche Erziehung, die manchmal widersprüchlichen Werte, Lebensgewohnheiten, Eigentümlichkeiten und Ausdrucksweisen; die so geliebte deutsche Sprache; den Respekt vor der westlichen Kultur; die Liebe zu Büchern.
Ilana Shmueli, 1924 in Czernowitz geboren, seit 1944 in Israel, arbeitete über lange Jahre als Sozialpädagogin in Tel Aviv. Sie starb im November 2011 in Jerusalem. Im Suhrkamp Verlag liegt ihr Briefwechsel mit Paul Celan vor.
“Der Verlust ihrer Habseligkeiten bedeutet für Shmueli auch der Verlust der Andersartigkeit. Befreit von dem Gefühl, nicht zugehörig zu sein, fällt es ihr nun leichter, freundschaftliche Bande zu knüpfen. So wird aus der Zeit der größten Entbehrungen jene Jahre, die für sie am prägendsten sind; Jahre, in denen ihr Interesse an deutscher und jiddischer Literatur wie auch am Geigenspiel befeuert werden.”
–Leserbrief von S. List
Auszug aus dem Nachwort von Hans Bergel:
[…] Manfred Winkler entstammt einer wohlhabenden jüdischen Familie – der Vater war Rechtsanwalt – aus Putila. Die Kleinstadt liegt auf dem achtundvierzigsten Breitengrad – das ist etwa die Höhe Wiens – mitten in den Waldkarpaten, nur fünfundsiebzig Kilometer südwestlich von Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, die von 1775 bis 1918 zur Habsburgermonarchie gehörte und 1919 durch den Vertrag von Saint-Germain dem Königreich Rumänien zugeteilt wurde, doch ihren Habitus als österreichisch geprägte multikulturelle Region noch knapp zwei Jahrzehnte lang bewahren konnte – trotz der gezielten Rumänisierungspolitik der neuen Landesherren.
1930 verlegte die Familie Winkler ihren Wohnsitz nach Czernowitz, kehrte aber schon 1932 nach Putila zurück. «Ich allerdings ging 1936 nach Czernowitz» – schreibt Winkler in einer autobiographischen Notiz –, «um die Schule zu besuchen, und wohnte dort bei Verwandten. Im unseligen Jahre Juni 1940 bis Juni 1941, das ‹Russenjahr› genannt, wurden meine Eltern mit Bruder und dessen Frau in der Nacht vom 10. Juni 1941 im Rahmen einer riesigen Aktion der Sowjets, die die ganze Nordbukowina erfaßte, von Putila ausgehoben und weggebracht. Ich entkam dieser Aktion nicht, wie verschiedentlich angegeben, weil ich zur ‹Roten Armee› eingezogen wurde, sondern weil ich nicht da war.» (Brief an Hans Bergel, 27. August 1997.)
Wenige Monate später wurde Manfred Winkler von den Rumänen zwangsverschickt, kehrte erst 1944 nach Czernowitz zurück und gelangte 1946 im Rahmen der umfassenden Repatriierung der Bukowiner Juden nach Rumänien, wo er sich in Temeswar/Banat niederließ und als Arbeiter und Techniker seinen Lebensunterhalt bestritt.
In der Tauwetterperiode nach Stalins Tod trat Winkler in Bukarest mit drei Büchern an die Öffentlichkeit: den Lyrikband Tief pflügt das Leben, 1956, die Kindergedichte Kunterbunte Verse, 1957, und die Verserzählung Fritzchens Abenteuer, 1958. Nach langjähriger Wartezeit glückte ihm 1959 die Ausreise nach Israel. Er ließ sich in Jerusalem nieder, lernte in kurzer Zeit Hebräisch, studierte hebräische und jiddische Literatur an der Hebräischen Universität in Jerusalem (1959–1963) und arbeitete danach als verantwortlicher Leiter des Theodor Herzl-Archivs und als Lektor in der Redaktion zur Herausgabe von Herzls Werken (1964–1981). Manfred Winkler, der seit 1981 als freier Schriftsteller, Übersetzer und Bildhauer in Jerusalem lebt, gehört zu den wenigen zweisprachigen Lyrikern Israels.
Die Koordinaten sind unübersehbar. Sie bezeichnen einen Lebensweg des 20. Jahrhunderts: Verlust und Zerstörung der heimatlichen Welt, Deportationen, Emigrationen, Familienzerreißung, Flucht, Sprach- und Kulturwechsel, vielfache Rückbindung an durchlaufene Stationen wie an Menschen, über Länder, ja Kontinente verstreute Spuren, unerwartete Ausblicke. Kann einer über das 20. Jahrhundert mitsprechen ohne diese Erfahrungen? –
Ich lernte Manfred Winkler 1957 in Bukarest kennen. Es kam zu einer einzigen Begegnung. Doch sie blieb so unvergeßlich, daß die Wiederbegegnung nach fast vierzig Jahren auch nicht andeutungsweise zur Verlegenheit, gar zum Problem wurde.
Aus Anlaß eines Schriftstellerkongresses in der rumänischen Hauptstadt, verwickelte mich der drei Jahre Ältere in dem gemeinsam bewohnten Hotel in ein Gespräch, das mir über die Jahrzehnte hinweg in Erinnerung blieb. Es ging um «den Menschen als das Zentralanliegen der Dichtung, gleichviel, ob er ‹gut› oder ‹böse›, ob er ‹wichtig› oder ‹unwichtig› ist». So Manfred Winkler damals. Einer von uns zitierte den Arzt Rieux aus Albert Camus’ Roman La Peste – der wohl 1947 in Paris und 1948 in Deutschland erschienen, dank der kommunistischen Zensur aber mit Verspätung ins Land gekommen war. Dem Doktor Rieux erschien es «gerecht», daß «die Freude wenigstens von Zeit zu Zeit diejenigen belohne, die sich mit dem Menschen begnügen und mit seiner armseligen, gewaltigen Liebe. Alle aber», läßt Camus den Doktor sagen, «die sich über den Menschen hinaus an etwas gewandt haben, blieben ohne Antwort». Manfred Winkler gab, während wir durch das Foyer des von Beamten des Staatssicherheitsdienstes verwalteten Hotels gingen, seinem Abscheu vor «wie auch immer formulierten Ideologien» Ausdruck. Er tat es vor einem Mann, der den gleichen Widerwillen gegen die Fixierung auf das Ideologische empfand, den er aber erst fünf Minuten vorher kennengelernt hatte. […]
«Der Günstling der Gegenstände» erschien erstmals im Januar 1991 in einer Auflage von hundert Exemplaren im Selbstverlag des Autors. Im August 1996 erfuhr die überarbeitete Erzählung unter dem Titel «So weit das Auge reicht» eine Neuauflage im Aufbau-Verlag, Berlin, herausgegeben vom Literarischen Colloquium Berlin in der Reihe «Text und Porträt».
Über Perikles Monioudis’ Erstling, der hiermit wieder unter dem Originaltitel erhältlich ist, schrieb die Süddeutsche Zeitung: «Wörter aus abgelegensten Registern, eine Musik von durchtriebener Komplexität. Man möchte nichts missen von dem, was den Sog dieser Prosa ausmacht. Eines der wunderlichsten Prosastücke der letzen Jahre.»
Frank Schablewski · Jacques Gassmann · Thomas Buhr
Anzeiger
Atemluftbrücken
Dort sein
Ledahaut
Spielraum
Ehehaff
Inhalt
I Gesten und Gespräche
Vorbemerkung
II Verwörterung der Welt
Herbert Jäger, Hermann Peter Piwitt und Josef Winkler im Gespräch über Hubert Fichte. Moderation: Michael Fisch
1 Einführung
2 Vorstellung von Josef Winkler
3 Gespräch mit Josef Winkler
4 Vorstellung von Hermann Peter Piwitt
5 Lesung von Hermann Peter Piwitt
6 Gespräch mit Hermann Peter Piwitt
7 Vorstellung von Herbert Jäger
8 Gespräch mit Herbert Jäger
9 Abschlussdiskussion
III Modellformen der Psyche
Von der Sprache der Wissenschaften und der Fundierung des Poetischen bei Hubert Fichte
1 Poetische Anthropologie
2 Angst und Forschung
3 Wahrheit und Lüge
4 Modellformen der Psyche
5 Heilige Männer
6 Explosion der Forschung
7 Material und Empfindlichkeit
8 Sexualität und Gewalt
9 Reiseempfindungen
IV Der halbgeschmeckten Lust mehr reife Früchte
Hubert Fichtes Rezeption des literarischen und musikalischen Barocks, vornehmlich des Werkes von Daniel Casper von Lohenstein
1 Verwörterung der Welt
2 Homosexualität und Literatur
3 Aggression und Empfindlichkeit
4 Lohensteins Trauerspiele
5 Mit Lohenstein gegen Luther
6 Rezeption und Psychologie
7 Lohensteins Agrippina und Fichtes Interpretation
8 Monteverdis Musik
9 Monteverdi und der musikalische Barock
Anmerkungen
In der vorliegenden Prosaarbeit geht Christoph Leisten von einem Ort aus, nämlich dem berühmten Platz Djemaa el Fna in Marrakesch, wo Geschichtenerzähler und Akrobaten, Heiler, Wahrsager und Musikanten bis in die Gegenwart Tag für Tag ein Fest der Sinnlichkeit entfalten. In den 88 Fragmenten dieses Buches wird die Djemaa el Fna zu einer Schule des Sehens, des Hörens, der Poesie und der Begegnung mit dem Anderen.
Diesen Prosaband, der auch ins Arabische übersetzt wurde, würdigte Stefan Weidner in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» als «große Schule der Wahrnehmung«.