LTB 110 – Englischsprachige Gedichte

Mutter

Jede Faser meines Herzens strebt dir zu geben /
Versalien von Sternen, um deinen Namen zu schreiben /
in das Sternenbild mütterlicher Leben. /
Ob zur Zeit von Krieg oder in Friedenszeiten: /
Stets verströmte Gelassenheit dein Wesen. /
Auch das Geringste was um dich vorging, /
war aus deinen Gesten, deiner Haltung abzulesen. /
Zwischen Wirklichkeit und Traum dein Leben hing. /

Doch du bist verhüllt. Dein Gesicht, so tief im Schatten, /
wirkt schmal und fahl. Du und meine Lettern verblassen. /
Wo sind die Sterne? Wo ist deine Gelassenheit? /
Ich bin unwürdig dich zu beschreiben. Ich habe /
Versagt, buchstabiere dich mit Tränen am Grabe. /
Du stehst zwischen Traum und Wirklichkeit.

Während Rose Ausländers letzten Aufenthaltes in New York von 1946 bis 1964 entstanden zwischen 1948 und 1956 über 200 englische Gedichte, die auch in der angelsächsischen Welt große Anerkennung fanden. Sie liefern den Schlüssel, um die Veränderungen im Schreibstil bei den deutschsprachigen Gedichten ab 1956 zu verstehen.

fixpoetry veröffentlichte am 22. Juli 2016 unter dem Titel «With music of machines, trains, planes» eine Rezension von Martin A. Hainz.

Liebstes Fräulein Moore – Beautiful Rose

Rose Ausländer und Marianne Moore

 

In Deutschland war das Frühwerk von Rose Ausländer, welches sie bis 1944 geschaffen hat und auch ihre englischen Gedichte, die von 1948 bis Mitte 1956 entstanden, lange Zeit unbekannt. Erst als zwischen 1984 und 1990 das Gesamtwerk publiziert wurde, konnten sich die Leser ein Bild von den frühen Gedichten machen und es war die Dichterin selbst, die 1971 in dem Text Alles kann Motiv sein auf ihre englische Lyrik hinwies. «Nach mehrjährigem Schweigen überraschte ich mich eines Abends beim Schreiben englischer Lyrik. […] Viele jener Gedichte sind in amerikanischen Literatur­zeit­schriften erschienen, manche hat der Rundfunk WEVD gesendet. Warum schreibe ich seit 1956 wieder deutsch? Mysteriös, wie sie erschienen war, verschwand die englische Muse». Erst im Nachlass der Dichterin fanden sich 193 englische Gedichte und etwa 50 nicht zu Ende geführte Fassungen.

Dieses Buch und die gleichnamige Ausstellung spüren den Gründen für das englische Schreiben von Rose Ausländer nach, zeigen Manuskripte und Typoskripte, verweisen auf amerikanische Vorbilder, versuchen eine Einordnung der Bedeutung des neu­gefundenen Stils des Schreibens nach der Rückkehr in die deutsche Muttersprache und zeigen, welchen Einfluss die ameri­kanische Poetin Marianne Moore durch die Zusammenarbeit während einer Writers Conference und durch den folgenden Brief­wechsel auf diese Entwicklung nahm.

LTB 111 – Chilenische Lyrik im bewegten 20. Jahrhundert

Autoren:

Efráin Barquero (*1931),
Carlos Bolton (1917–2004),
Humberto Díaz Casanueva (1906–1992),
Óscar Hahn (*1938),
Tomás Harris (*1956),
Sergio Hernández (1931–2010),
Vicente Huidobro (1893–1948),
Ronald Kay (*1941),
Enrique Lihn (1929–1988),
Venancio Lisboa (1917–1993),
Mario Markus (*1944),
Mahfud Massís (1916–1990),
Gabriela Mistral (1889–1957),
Paz Molina (*1945),
Pablo Neruda (1904–1973),
Mila Oyarzún (1912–1982),
Nicanor Parra (*1914),
María Isabel Peralta (1864–1936),
Ulises Pereira (*1985),
Gonzalo Rojas (1916–2011),
Pablo de Rokha (1894–1968),
David Rosenmann Taub (*1927),
Jorge Teillier (1935–1996),
Volodia Teitelboim (1916–2008),
Aldo Torres (1910–1960),
Armando Uribe Arce (*1933),
Jaime Valdivieso (*1929),
Juvencio Valle (1900–1999),
Luis Roberto Vera (*1947),
Raúl Zurita (*1950)

LTB 112 – wälder kommen auf uns zu

großvater flieht

großvater flieht über die flimmerschwelle


im böhmischen dorf sieht er immer


die landschaft schweben über den nebeln

die familie auf porzellan gemalt, die sonntage


bewacht, hinter den wänden mutter und vater


im gebet bei tisch in zungen reden. schon wird

der grenzstrich bewegung. seine schritte setzen


geräusche, über gräben bewacht er die grenze


die ihn nicht zurückholen kann.

HAH Bd. 18 – Miteinander. Wer weiß wohin

Jahrgang 1919

Hans Bender · Horst Krüger

Michael Guttenbrunner

Eine Köpenickiade im Hause Zuckmayer

Der Hund

Leserbrief vom 21.10.2021

Lieber Herr Albers,

Ihrer Empfehlung folgend habe ich Moses Rosenkranz´ “Der Hund“ gelesen und wurde förmlich zurückgeschleudert in die düsteren Erzählungen meiner Eltern über die Lagerwirklichkeit, das Grauen und die Hunde. Mutter hatte mir des Öfteren von den SS-Hunden erzählt, die kranke oder hinfällige Kameradinnen aus den Stockbetten bissen (Ravensbrück). Mutter hatte danach zeitlebens Angst vor Hunden, bis ich ihr eines Tages einen Dackel schenkte. Mit dem Tierchen (Ludmilla vom Arkadenhof) verflog die Angst allmählich und sie kaufte sich nach dem Tod der Dackeldame selbst einen Hund, der sie bis zu ihrem Tod begleitete.

„Der Hund“, „Franz Dubas Bericht“ ist in seiner Brutalität und Abgründigkeit schwer zu verkraften. Dass Rosenkranz ein hohes Alter erreichte ist, wie Wolf Biermann anmerkte, nach dieser schrecklichen Lebensgeschichte tatsächlich ungewöhnlich.

Ein „Wahnsinnsbuch“, vor allem, was die Vermischung von Tatsächlichem und Fiktionalem angeht. Ich haben den „Hund“ jetzt ins Bücherregal verbannt, wo er niemanden Schaden zufügen kann.

Herzliche Grüße aus Berlin

Ernst Josef Lauscher

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Das Typoskript, das diesem Buch zugrunde liegt, wurde im Nachlass von Moses Rosenkranz entdeckt. Es handelt sich um die groteske Erzählung über einen Hund, den die nationalsozialistischen Mörder zur Bestie abzurichten versuchen – und damit zu einem Teil ihrer Tötungsmaschinerie. Die Geschichte, die Moses Rosenkranz um diesen Hund herum entwirft, ist ungeheuerlich, bestialisch und doch so unglaublich menschlich … Sie ist ein Solitär in der Holocaustliteratur.

Der Band wurde von Prof. Dr. Sascha Feuchert und Dr. Andrea Löw herausgegeben und mit einem umfangreichen Vor- und Nachwort versehen. Andrea Löw ist stellvertretende Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte, München. Sascha Feuchert ist Professor für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur und ihre Didaktik am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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In diesem Zusammenhang auch interessant: Hans Bender – Wunschkost.

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Aktuelle Buchbesprechung von Daniel Hoffmann in ‘Jüdisches Leben in Bayern’ vom 03.09.2021: hier.

RTB 101 – Zetdam

«Zetdam», eines der fünf Theaterstücke aus dem Nachlass Alfred Gongs, wird hier erstmals veröffentlicht. Der 1920 in der Bukowina geborene Autor ist neben Paul Celan und Rose Ausländer hauptsächlich als Lyriker jener geschichtsträchtigen Kulturlandschaft in Erscheinung getreten. Mit «Zetdam» widmet sich der deutsch-jüdische Autor, der seit 1951 in New York lebte, dem Thema der atomaren Bedrohung – einem der zentralen in seinem Werk. Anknüpfend an das absurde Theater veranschaulicht Alfred Gong am Beispiel des letzten Menschen Zetdam eindringlich und entlarvend die Leichtsinnigkeit der atomaren Aufrüstung.

LTB 113 – nichts überstürzen

und das Glück /
nicht tot zu sein /
kam als /
Wimpernschlag /
zur Tür herein

Notiz

Am 20. Juni 2015 bin ich mittags in der Nähe meiner Wohnung auf dem Gehweg plötzlich gestürzt. Ich hatte das Bewusstsein verloren, sah mich aber schon bald auf dem Asphalt inmitten von blutigen Tüchern liegen. Freundliche Stimmen redeten beruhigend auf mich ein. Was war geschehen? Träumte ich? Ich hätte gern etwas gesagt, schnappte aber nur nach Luft. Meinen Namen kannte ich nicht. War das wirklich ich, die man im Unfallwagen durch die Stadt in verschiedene Krankenhäuser fuhr? Ich wollte nach Hause. In einem Krankenhauszimmer dämmerte ich weg, bis ich durch lange Gänge zu irritierenden Untersuchungen transportiert wurde. Nur mühsam begriff ich meinen Zustand. Gesicht und Stirn waren aufgeschlagen, Halswirbel angebrochen und einige Rückenwirbel zerstört. In einer langen Operation wurden zwei Metallstäbe aus Titan in meinen Rücken implantiert. Sie sollten die Wirbelsäule stabilisieren. Außerdem fixierte man zerborstene Wirbel mit Hilfe von Knochenzement und Schrauben. Die Schnittwunden tackerte man mit Stahlklammern.

Vergebens suchten die Ärzte einen Grund für den Sturz. Viele Monate musste ich still liegen, damit die Wirbel wieder zusammenwachsen konnten. Ich war lange sprachlos. Nach und nach kamen jedoch die Wörter wieder zurück. Ich begann Buchstaben ins iPhone zu tippen. Das war ein Ausweg. Und so schrieb ich die «nichts überstürzen»-Gedichte nachts auf einer winzigen hellen Fläche, wenn an Schlaf nicht zu denken war.

Faust Kultur veröffentlichte am 20. April 2018 unter dem Titel «Aus tiefster Not» eine Rezension von Bernd Leukert.

Signaturen, Forum für autonome Poesie, veröffentlichte unter dem Titel «Poetische Dokumente der Revolte gegen die Insuffizienz» eine Rezension von Timo Brandt.

HAH Bd. 07 – Die Nonnensense I · II