Der Hund

Leserbrief vom 21.10.2021

Lieber Herr Albers,

Ihrer Empfehlung folgend habe ich Moses Rosenkranz´ “Der Hund“ gelesen und wurde förmlich zurückgeschleudert in die düsteren Erzählungen meiner Eltern über die Lagerwirklichkeit, das Grauen und die Hunde. Mutter hatte mir des Öfteren von den SS-Hunden erzählt, die kranke oder hinfällige Kameradinnen aus den Stockbetten bissen (Ravensbrück). Mutter hatte danach zeitlebens Angst vor Hunden, bis ich ihr eines Tages einen Dackel schenkte. Mit dem Tierchen (Ludmilla vom Arkadenhof) verflog die Angst allmählich und sie kaufte sich nach dem Tod der Dackeldame selbst einen Hund, der sie bis zu ihrem Tod begleitete.

„Der Hund“, „Franz Dubas Bericht“ ist in seiner Brutalität und Abgründigkeit schwer zu verkraften. Dass Rosenkranz ein hohes Alter erreichte ist, wie Wolf Biermann anmerkte, nach dieser schrecklichen Lebensgeschichte tatsächlich ungewöhnlich.

Ein „Wahnsinnsbuch“, vor allem, was die Vermischung von Tatsächlichem und Fiktionalem angeht. Ich haben den „Hund“ jetzt ins Bücherregal verbannt, wo er niemanden Schaden zufügen kann.

Herzliche Grüße aus Berlin

Ernst Josef Lauscher

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Das Typoskript, das diesem Buch zugrunde liegt, wurde im Nachlass von Moses Rosenkranz entdeckt. Es handelt sich um die groteske Erzählung über einen Hund, den die nationalsozialistischen Mörder zur Bestie abzurichten versuchen – und damit zu einem Teil ihrer Tötungsmaschinerie. Die Geschichte, die Moses Rosenkranz um diesen Hund herum entwirft, ist ungeheuerlich, bestialisch und doch so unglaublich menschlich … Sie ist ein Solitär in der Holocaustliteratur.

Der Band wurde von Prof. Dr. Sascha Feuchert und Dr. Andrea Löw herausgegeben und mit einem umfangreichen Vor- und Nachwort versehen. Andrea Löw ist stellvertretende Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte, München. Sascha Feuchert ist Professor für Neuere deutsche Literatur mit dem Schwerpunkt Holocaust- und Lagerliteratur und ihre Didaktik am Institut für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen.

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In diesem Zusammenhang auch interessant: Hans Bender – Wunschkost.

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Aktuelle Buchbesprechung von Daniel Hoffmann in ‘Jüdisches Leben in Bayern’ vom 03.09.2021: hier.

RTB 101 – Zetdam

«Zetdam», eines der fünf Theaterstücke aus dem Nachlass Alfred Gongs, wird hier erstmals veröffentlicht. Der 1920 in der Bukowina geborene Autor ist neben Paul Celan und Rose Ausländer hauptsächlich als Lyriker jener geschichtsträchtigen Kulturlandschaft in Erscheinung getreten. Mit «Zetdam» widmet sich der deutsch-jüdische Autor, der seit 1951 in New York lebte, dem Thema der atomaren Bedrohung – einem der zentralen in seinem Werk. Anknüpfend an das absurde Theater veranschaulicht Alfred Gong am Beispiel des letzten Menschen Zetdam eindringlich und entlarvend die Leichtsinnigkeit der atomaren Aufrüstung.

LTB 113 – nichts überstürzen

und das Glück /
nicht tot zu sein /
kam als /
Wimpernschlag /
zur Tür herein

Notiz

Am 20. Juni 2015 bin ich mittags in der Nähe meiner Wohnung auf dem Gehweg plötzlich gestürzt. Ich hatte das Bewusstsein verloren, sah mich aber schon bald auf dem Asphalt inmitten von blutigen Tüchern liegen. Freundliche Stimmen redeten beruhigend auf mich ein. Was war geschehen? Träumte ich? Ich hätte gern etwas gesagt, schnappte aber nur nach Luft. Meinen Namen kannte ich nicht. War das wirklich ich, die man im Unfallwagen durch die Stadt in verschiedene Krankenhäuser fuhr? Ich wollte nach Hause. In einem Krankenhauszimmer dämmerte ich weg, bis ich durch lange Gänge zu irritierenden Untersuchungen transportiert wurde. Nur mühsam begriff ich meinen Zustand. Gesicht und Stirn waren aufgeschlagen, Halswirbel angebrochen und einige Rückenwirbel zerstört. In einer langen Operation wurden zwei Metallstäbe aus Titan in meinen Rücken implantiert. Sie sollten die Wirbelsäule stabilisieren. Außerdem fixierte man zerborstene Wirbel mit Hilfe von Knochenzement und Schrauben. Die Schnittwunden tackerte man mit Stahlklammern.

Vergebens suchten die Ärzte einen Grund für den Sturz. Viele Monate musste ich still liegen, damit die Wirbel wieder zusammenwachsen konnten. Ich war lange sprachlos. Nach und nach kamen jedoch die Wörter wieder zurück. Ich begann Buchstaben ins iPhone zu tippen. Das war ein Ausweg. Und so schrieb ich die «nichts überstürzen»-Gedichte nachts auf einer winzigen hellen Fläche, wenn an Schlaf nicht zu denken war.

Faust Kultur veröffentlichte am 20. April 2018 unter dem Titel «Aus tiefster Not» eine Rezension von Bernd Leukert.

Signaturen, Forum für autonome Poesie, veröffentlichte unter dem Titel «Poetische Dokumente der Revolte gegen die Insuffizienz» eine Rezension von Timo Brandt.

HAH Bd. 07 – Die Nonnensense I · II

Das elfte Jahr

«Das elfte Jahr» ist eine sprachlich variantenreiche Geschichte von Unterordnung, Erziehung und Selbsterziehung, in der zugleich geschickt die Stimmung der Nachkriegszeit zwischen Schweigen und Aufklärung inszeniert wird.

-Christoph Schröder, Büchermarkt, Deutschlandfunk

Heinrich Maria will Tiermissionar werden! Was hat sich der Junge da nur ausgedacht? Wir werden ihm die Flausen schon austreiben: Ab ins Missionsseminar Sankt Ludwig! Oder besser gleich in die Abtei Münsterschwarzach, aber pronto!

Der junge fast elfjährige Heinrich Maria wird ins Missionsseminar Sankt Ludwig gesteckt. Die Mönche, ehemalige Weltkriegssoldaten haben als Lehrer und Erzieher die Aufzucht der Zöglinge übernommen. Sie wissen, wie man mit Hilfe von Vanillepudding und Rohrstock das Richtige in die Buben hineinklopft, damit ein ordentlicher Klosternachwuchs herauskommt. Doch Heinrich Maria ist kein Mönch und auch kein Missionar geworden und auch ein elftes Jahr kann ziemlich lange dauern …

Deutschlandfunk, Büchermarkt sendete am 2. April 2018 unter dem Titel «Zwischen Schweigen und Aufklärung» eine Rezension von Christoph Schröder.

RTB 107 – Salam Jerusalem

In Marokko, wie auch in anderen islamischen Ländern, fehlt ein wichtiger Baustein der Kultur, des Alltags. Es fehlt das jüdische Element, das immer, wie in anderen Ländern, wichtig war, um Diversität am eigenen Leib zu erleben. Stattdessen hat sich in vielen arabischen Ländern eine Monokultur ausgebreitet, nach dem Motto: «Wir sind uns selbst genug und brauchen gar nichts über die anderen zu wissen. Wer dennoch nach dem Anderen fragt, ist ein Verräter.» Diese Logik ist für die arabischen Gesellschaften fatal, sie führt nicht, wie ihre Verfechter behaupten, zu Stärke und Einheit, sondern zu Stagnation, Schwäche und Zersplitterung. Khallouk durchbricht im Selbstversuch die Selbstbeschränkung, führt dabei genau Buch, über jedes einzelne Detail. So sehen wir Palästinenser, die dem Mit-Araber erst kameradschaftlich die Schwelle senken, nur um ihn hinterher knallhart zur Kasse zu bitten. Israelis, deren hohe Schwelle er erst mal überwinden muss, weil er nun einmal Mohammed heißt, die sich aber hinterher als professionell, kollegial, ja sogar freundschaftlich erweisen. Was nicht bedeutet, dass er sich bei der Ausreise nicht bis auf die Unterhose entkleiden muss, als wäre er ein Sträfling. Für Beobachter der islamischen Welt sind Bücher wie dieses Lichtblicke. Wenn scheinbar unveränderliche Strukturen, wieder einmal jede Hoffnung schwinden lassen, wenn sich nach dem arabischen Frühling plötzlich wieder die altbekannten Herbstgesichter zeigen, dann erinnert jemand wie Mohammed Khallouk daran, was diese Region in dieser Zeit so faszinierend macht: Die Aussicht, dass Beobachter wie er sich nicht mehr auf überkommene Denkgewohnheiten festnageln lassen, dass sie mithilfe ihrer multiplen Identitäten neue Perspektiven aufzeigen, dass Stimmen wie die seine lauter werden, dass sie eine Dynamik entfesseln, die irgendwann eine echte Explosion auslösen: Eine Explosion an Kreativität.

Marc Thörner

HB Bd. 07 – Vom Leben, Schreiben und Herausgeben

Hans Bender ist kein Anakreontiker und hat keine Kampf- und Siegeslieder verfasst. Seine Lyrik, seine Geschichten, seine Aufzeichnungen spiegeln die Schicksale seiner Generation: derer, die knapp nach dem Ende des Ersten Weltkriegs geboren wurden und die dem Zweiten noch gerade entkamen. Er hat ihr als Schreibender zu Stimme und Selbstbewusstsein verholfen.

Kyra Stromberg

Die Grenze zu einem «Bericht» über Benders Kriegsjahre wie «Erlebte Zeit» ist kaum merklich: Mehr als die Hälfte des Textes schildert den Marsch des Leutnants Bender mit den ihm anvertrauten 196 Mann Anfang 1945 aus dem Westen in den Kurlandkessel und damit direkt in die sowjetische Kriegsgefangenschaft – ohne dass ein Wort der Anklage fällt, wird die nüchterne Erzählung zum Dokument über die Sinnlosigkeit und den Leerlauf der Kriegsmaschinerie.

Volker Neuhaus

Wir – die nach dem Krieg Aufgewachsenen – können uns heute nur schwer vorstellen, mit welch unmittelbarer Gewalt der Krieg ein Leben geordnet hat, in die Zeit davor und in die Zeit danach, wenn es denn überhaupt ein «danach» gab. Und auch die Zeit davor, die friedliche, gern verklärte Kinderzeit, war ja eine Zeit danach, die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, eine Zwischenzeit zwischen zwei Kriegen.

Michael Krüger

Sein waches Gewissen, die beständige Unruhe, die hinter seinem gelassenen Erzählen spürbar ist, und seine Menschenkenntnis – haben es mir angetan. Er macht sich nichts vor.

Hermann Lenz

LTB 115 – Teile dich Nacht

Nach dem Gedichtzyklus «Die Suchende», der im Spätherbst 1966 erschien, hat Nelly Sachs kein Buch mehr veröffentlicht.

Zwar blieb sie literarisch tätig bis zum endgültigen Versagen ihrer physischen Kräfte. Dramatische Projekte beschäftigten sie fast ununterbrochen. Die lyrische Produktivität war, wie früher, mehr intermittierend; 1968 schrieb sie wieder mehrere Gedichte, zur Zusammenstellung eines Gedichtbandes kam es aber nicht.

RTB 104 – Odyssee

1935, unter dem Eindruck der wachsenden Kriegsgefahr in Europa veröffentlicht Jean Giraudoux sein Stück Der trojanische Krieg wird nicht stattfinden.

«Warum sollte es zum Krieg kommen?» heißt es auf der Bühne. Der Erfolg war erwartungsgemäß überwältigend: beinahe zweihundertmal hinter einander musste das Werk gespielt werden.

Der Autor starb 1944. Zwei Jahre zuvor veröffentlichte Jean Anouilh sein Stück Antigone nach der gleichnamigen Tragödie des Dichters Sophokles aus dem Jahr 442 v. Chr. Dieses Werk feierte man wiederum als Sinnbild für den französischen Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht.

Die Odyssee ist neben der Ilias das zweite, dem Dichter Homer zugeschriebene Epos. Es schildert die Abenteuer des Königs Odysseus von Ithaka auf der Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg.

Die homerischen Gedichte sind in einer Kunstsprache geschrieben, die «in dieser Form niemals wirklich gesprochen wurde.» (Herbert Bannert) Sie umfassen rund 12000 Hexameter in 24 Gesängen.

«Mit dem vierundzwanzigsten Gesang», schreibt Georg Drozdowski, «endet die Odyssee und wir setzen sie im dreißigsten fort» und zwar mit einem «Heimkehrerstück» vor dem Hintergrund der Nachkriegszeit von 1945. Im Gepäck «alle Qualen des Leibes und alle Martern der Seele – Krieg, Schmerz, Hunger, Angst, ungestilltes Verlangen, bittere Gefangenschaft und getäuschte Hoffnung.»

RTB 103 – Mein Czernowitz

In der Zeit um das Jahr 1938 schrieb Josef Burg eine Reihe von Erzählungen, die Wien zum Schauplatz haben. Nur zwei davon, die je ein anderes Einzelschicksal aus der Zeit des ‘Anschlusses’ zum Inhalt haben, konnten damals herausgegeben werden, weil für ein umfangreicheres Buch kein Geld mehr vorhanden war. Dieses kleine Büchlein […] liegt hiermit erstmalig in deutscher Übersetzung vor.