Rübner, Tuvia

(1923, Pressburg – 2019, Merchawia)

 

Über Tuvia Rübner:

Tuvia Rübner wurde 1924 in Preßburg (Bratislava) geboren. Seine Muttersprache ist Deutsch, Slowakisch lernte er privat. 1938 Ausschluß vom Schulunterricht wegen seiner jüdischen Herkunft. 1941 gelangte er als einziger seiner Familie mit dem letzten Flüchtlingstransport aus der Slowakei nach Palästina.


Zwölf weitere Jahre lang schreibt er noch Gedichte in der Sprache, die er nicht mehr spricht, bis er 1953 ins Hebräische hinüberwechselt.


In Deutschland, wo er Mitglied der Darmstädter und Mainzer Akademien ist, bekam er 1999 den Jeanette-Schocken-Preis (gegen Unrecht und Gewalt, gegen Hass und Intoleranz), den vor ihm unter anderem Louis Begley und Imre Kertesz erhielten sowie den Paul-Celan-Preis für seine Übersetzung von Agnons Roman «Shira».

Sein dichterisches Formgefühl verhindert dabei jede Beliebigkeit. Bemerkenswert ist auch, dass er kein Selbstmitleid, keine Wehleidigkeit kennt und dass er vieles nur andeutet. Es schimmert Trauer durch, tiefer
Schmerz um den menschlichen Verlust. Dem gegenüber steht ein leichter Ton in dem Beschreibenden des Lebens in seinen Gedicht. Die Gegenwart blendet Tuvia Rübner dabei keineswegs aus.


2008 erhält Tuvia Rübner schließlich den Literaturpreis des Landes Israel, die höchste literarische Auszeichnung dort. Von der Kritik wird er zu den erstrangigen europäischen Nachkriegsdichtern gezählt.


2012 bekommt er den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung für sein Lebenswerk verliehen


Am 27. März 2012 hat die Jury des KAS-Literaturpreises bekannt gegeben, dass Tuvia Rübner der diesjährige Preisträger ist.

«Tuvia Rübner und sein Werk sind ein Anwalt für das Leben, die Menschenrechte, die Freiheit und den Frieden.»

Hans-Gert Pöttering
Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung

www.kas.de/…/…/71.11224

Der Preis wurde am 10. Juni 2012 in Weimar verliehen.

www.kas.de/…/…/33.31280

Gesamtausgabe

Rübner, Tuvia

Das vergebliche Gebet der Verse

"Was bringt einen Dichter dazu, auch dann weiterzuschreiben, wenn die Verse nur noch mit Mühe ihren Weg aufs Papier finden, jede Silbe Qual und Anstrengung bedeutet? Wenn die Phantasie ihn im Stich lässt, die Bilder ausbleiben? Warum legt er den Stift nicht aus der ungelenkig gewordenen Hand, wo doch alles gesagt zu sein scheint? Für den im Juli 2019 gestorbenen Tuvia Rübner war das Schreiben Lebensimpuls, Ausdruck innerer Erregung kein Entschluss, sondern Notwendigkeit" - Matthias Weichelt

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In diesem Band sind die letzten Gedichte Tuvia Rübners versammelt. Zuerst erschienen in seinen Bänden 'Wunderbarer Wahn' (2014) und 'Im halben Licht' (2016).

Rübner, Tuvia

Ein langes kurzes Leben

"Ich lebe in einem blutigen Land. Denke ich zurück, was schwierig ist - nie ist das, was war, das, was es jetzt gewesen zu sein den Anschein hat -, so dünkt mir, in jüngeren Jahren hätte ich diese Tatsache, ich meine den ersten Satz, einfacher akzeptiert, als ich es heute vermag."

"Das ganze Leben ist ja nichts als Erinnerung. Das Licht eines Sternes, der vielleicht vor tausend Lichtjahren schon zerfallen ist. Selbst was wir Gegenwart nennen, ist Erinnerung, da alles Erlebte im Augenblick, wo es uns zu Bewusstsein kommt, wo wir es wissen, Erinnerung wird. Wirklichkeit ist, was wir nicht wissen."

"Gräber besagen mir nichts. Sie sind leer. Die Toten leben unter uns, mit uns, wenn wir uns nicht vor ihnen versperren. Manchmal sehe ich sie in den Schatten in der Luft. Das ist seit einem Jahr ganz deutlich geworden. Sie verweilen nicht. Ich spreche sie nicht an und sie sprechen mich nicht an. Wir wissen schweigend voneinander, was zu wissen ist."
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Textauszug

Rübner, Tuvia

Ein langes kurzes Leben

"Ich lebe in einem blutigen Land. Denke ich zurück, was schwierig ist - nie ist das, was war, das, was es jetzt gewesen zu sein den Anschein hat -, so dünkt mir, in jüngeren Jahren hätte ich diese Tatsache, ich meine den ersten Satz, einfacher akzeptiert, als ich es heute vermag."

"Das ganze Leben ist ja nichts als Erinnerung. Das Licht eines Sternes, der vielleicht vor tausend Lichtjahren schon zerfallen ist. Selbst was wir Gegenwart nennen, ist Erinnerung, da alles Erlebte im Augenblick, wo es uns zu Bewusstsein kommt, wo wir es wissen, Erinnerung wird. Wirklichkeit ist, was wir nicht wissen."

"Gräber besagen mir nichts. Sie sind leer. Die Toten leben unter uns, mit uns, wenn wir uns nicht vor ihnen versperren. Manchmal sehe ich sie in den Schatten in der Luft. Das ist seit einem Jahr ganz deutlich geworden. Sie verweilen nicht. Ich spreche sie nicht an und sie sprechen mich nicht an. Wir wissen schweigend voneinander, was zu wissen ist."                                                        

Rübner, Tuvia

Granatapfel

"Der Titel des schmalen Bandes mit frühen deutschen Gedichten Tuvia Rübners empfiehlt ein Gedicht der Sammlung beseonderer Aufmerksamkeit: Granatapfel. Seit dem Altertum ist der in Hainen angesiedelte krummästig-dornige, scharlachrot blühende Granatapfelstrauch, Punica granatum, im vorderen Orient als Fruchtbaum heimisch; die reife Frucht enthält in einer dünnhäutigen Hülle viele Samenkerne und wurde deshalb früh als Fruchtbarkeitssymbol angesehen - geweiht der phönizischen Astarte ebenso wie Demeter, Hera, Aphrodite oder Athene, verwendet bei Mysterien und vielfach dargestellt. Von der emphatischen Fruchtbarkeitssymbolik findet sich freilich im Gedicht kaum eine Spur - dafür eine emblematische Struktur, wie sie sich im Emblemata-Handbuch Arthur Henkels und ALbrecht Schönes nachschlagen läßt: der Granatapfel erscheint da als Sinnbild der Verbindung guter und schlechter Eigenschaften." - Hans Otto Horch, aus dem Nachwort

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Granatapfel
Aus Schattengrün entgegen das Purpurrot,

geheime Frucht mir leuchtet im dunklen Laub.

- Wo Apfel, hell, wo reife Birne,

flaumige Pflaume und samtner Pfirsisch?
Dort, wo sie birst und glasige Fülle quellt,

metallen glänzend drängt sich dicht Kern an Kern.

Und tausend Augen starren lidlos,

Tränen vergaßen die kühlen Augen.
So spiegelt klar und liegt in ergriffner Hand

Geheimnis kalter Flamme und stummen Seins.

Und tiefer fühl ich und begreife

Sehnsucht und Sprache und Nacht der Toten.                                                        

Rübner, Tuvia

Lichtschatten

«Lichtschatten» ist ein Buch voll von Paradoxen, aber je älter Rübner wird, desto leichter und klarer, ja selbst heiterer werden seine Verse: als wäre das Gedicht selbst ein Ausweg aus der auswegslosen Symmetrie des Paradoxes.

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Albtraum
Er ist gefangen.

Die Bösen wollen sein Herz.

Wollen sein Herz verschachern.

Entflieh! Ich flehe, entflieh! Rasch! Komm! Komm zu mir!

Er entflieht, er entflieht, er kommt rasch zu mir.

Er entflieht nicht. Er kommt nicht zu mir.
Kaum spürbare Helle

sickert ins Dunkel des Zimmers.

Ein Hund jault.

Ein Rascheln.

Bin ich wach?

Bin ich wirklich wach?                                                        

Rübner, Tuvia

LTB 005 - Stein will fließen

Ausgewählte Gedichte
(Lyrik-Taschenbuch Nr. 5)
92 S., brosch., 1999

Die 1. Auflage wird noch ausgeliefert und kann ganz normal bestellt werden.

2. erweiterte Auflage. Herausgegeben und ausgewählt von Adrian Krug
In Vorbereitung Frühjahr 2023

ISBN 978-3-89086-791-5
Weitere Informationen

Angelus Novus

Mein Gesicht ist in meinem Nacken. Vor meinen Augen

Trümmerhaufen, Trümmerhaufen.

Kleine Hoffnungen flogen fort, versengt,

fielen in die Finsternis.

Ich bin davongekommen.

Ich stieg auf.

Wurde wieder geboren

durchsichtig wie Rauch.
Die stumme Zeit

weht aus dem Baumgarten der Kindheit,

drängt mein hartnäckiges Herz,

breitet meine Flügel aus.

Nach hinten gestoßen, Kommendem entgegen.

Wann kommt, der mein Augenfeuer löschen soll.
(Nach der Übersetzung von Efrat Gal Ed und Christoph Meckel)

Rübner, Tuvia

LTB 136 - Wüstenginster

Gedichte
81 S., geb.,
(1. Auflage 1990 im Piper Verlag, Herausgegeben, übersetzt und mit einer Nachbemerkung von Efrat Gal-Ed und Christoph Meckel)

ISBN 978-3-89086-786-1
Weitere Informationen

Rübner, Tuvia

Rauchvögel

Mutter am Grab ihres Sohnes

Sohn, Sohn

gebeugt über dich

bist ein Stein in meinem Schoß

wie Feuer bin ich in deinem Blut
erkaltet, erkaltet.

Dein kalter Blick

ist Feuer in meinem Blut.

Stein bin ich, du

in meiner Hut.                                                        

Rübner, Tuvia

Spätes Lob der Schönheit

"Es ist etwas in Rübners Gedichten, wo wir einen Moment zusammenbleiben können, und wo wir bleiben können, können wir uns auch finden, wenn auch nur in gewährter Frist.(…) Aber was bei ihm kenntnisreich entfaltet ist, ist das Spiel des Gedichts, das Leben des Gedichts mit der Erinnerung. Oft geht es, wie gesagt, um sehr konkrete Erinnerungen, aber manchmal geht es nur darum, daß eine Hand sich vorschiebt, sagt: Da muß Erinnerung sein, jetzt, immer. Kein Schlaf bewahrt vor ihr. An vielen Stellen stellt Rübner die Beziehung von schmerzhaft obsessiver Erinnerung und Schlaflosigkeit dar. Diese moderne Poesie ist auch eine der Schlaflosigkeit, als gelte es durch nicht endende Wachheit dem Vergessen zu wehren." - Konstantin Kaiser

Das Nachwort «Nachdenken über Tuvia Rübner» beruht auf der im Literaturhaus Salzburg im Mai 2008 frei gehaltenen Einleitung zu einer Lesung Tuvia Rübners aus Anlaß des Theodor Kramer Preises für Schreiben im Widerstand und im Exil 2008.
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Zeitlos
Es ist.
Es kann nicht sein. Unsagbar
Es ist.

Rübner, Tuvia

Wer hält diese Eile aus

Ratschläge für einen jungen Dichter

Bleib dem Gedanken treu

dem verlassenen

Lausche dem Klang

mit verschlossenen Ohren

Hör mit den Händen

Schlage den Takt

ohne etwas zu rühren

Vergiss Marsyas und seine abgezogene Haut

Vergiss Orpheus und sein zerrissenes Fleisch

Vergiss den Spott,

Vergiss den Rauch, vergiss das Feuer

Vergiss dein Herz, vergiss dein Hirn

Die Stimme in der Kehle

wer du bist

Und, wenn möglich, so beginn

im Schweiße deines Angesichts                                                        

Rübner, Tuvia

Zypressenlicht

Am hellen Tag

Wo kam ich hin am hellen Tag?

Kam ich hierher am hellen Tag?

Der Mann im Boot schwenkte sein Ruder und setzt

wieder über zum anderen Ufer. Ein Hund hob das linke Bein,

verstreute Reste von Schalen, das Licht ein wenig

zypressenhaft. Ich sprach zu mir. Hierher kam ich,

sprach ich zu mir, und

weshalb kam ich hierher am hellen Tag?

Ein kleines Mädchen, einen Fink in der Hand,

glaubte, sie könne sich drücken. Auch Kinder -

schwenkte sein Ruder und setzt wieder über zum anderen Ufer -

kommen hierher. Wie Schatten bin ich hier im eigenen Herzen

Wie Schatten mein Herz.

Weshalb kam ich hierher am hellen Tag?
(übersetzt von Manfred Winkler)