RTB 076 – Die Weise von Liebe und Tod

Vielleicht sitzen da nur zwei altsprachlich Gebildete aus verschiedenen Generationen, die die ars amandi nicht zu leben, aber zu skandieren wissen …

«der gescheiterte Versuch eines depressiven alternden Schriftstellers, einen jugendlichen Sekretär in seine Dienste zu nehmen»

Kritisches Lexikon der Gegenwartsliteratur

LTB 078 – Der Prinz der jiddischen Ballade

Der Mönch

Der Weg funkelt silbrig und messergleich /
Gräbt er sich tief in die Ebene ein. /
Luftspiegelungen. Der Mondenschein. /
Und ein finsterer Mönch durchschreitet dies Reich. /

Der Frühling, das Kind, die Wiese, der Teich, /
Lächeln, berauscht von Duft wie von Wein: /
«Tritt in den Bannkreis der Veilchen hinein!» /
Aber der Mönch schreitet hager und bleich. /

Näher und nah, einen Dolch in der Hand … /
Ein Blitz! – blaues Lenzblut bespritzt sein Gewand! /
Entsetzt fliehen Kind und Teich übers Feld … /

«Dein Blendwerk, o Luzifer, ist nun verweht!» /
Er kniet und bekreuzt sich, und vor ihm ersteht /
Die andre, ersehnte, die ewige Welt!

Niemand weiß genau zu sagen, wer den Ehrentitel «Prinz der jiddischen Ballade» für Itzik Manger erfunden hat und niemand weiß, wann er das erste Mal so genannt wurde. Selten aber wurde ein solcher Ehrentitel mit mehr Berechtigung verliehen als für den jiddischen Dichter, dessen geschliffen funkelnde Lyrik den Leser fasziniert und beglückt.

RTB 077 – «Der Tod ein deutscher Meister»

In seinen frühen Gedichten erprobt Immanuel Weißglas poetische Antworten auf das erlebte Grauen, die gerade in der Überanstrengung, in der Transformation und schließlich im Zerbrechen einer zum letzten Mal aufgerufenen Dichtungstradition ihr spannungsvolles Pathos gewinnt. Die vorliegende Studie plädiert für eine neue Lektüre und eine neue Bewertung dieser Texte.

Heinrich Detering ist Professor für Deutsche und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Universität Göttingen und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Er veröffentlichte eine Reihe von literaturwissenschaftlichen Studien (u. a. Bertolt Brecht und Laotse, 2008, das Nietzsche-Buch Der Antichrist und der Gekreuzigte, 2010, Thomas Manns amerikanische Religion, 2012) und Gedichtbände (zuletzt Old Glory, 2012). Er erhielt zahlreiche wissenschaftliche und literarische Auszeichnungen, darunter den Leibniz-Preis (2009) und den Andersen-Preis (2012).

LTB 081 – Echnaton. Der Sonnengesang

Du erscheinst schön im Horizont des Himmels, /
du lebender Sonnengott, der Anfang des Lebens! /
Wenn Du aufgeleuchtet im Osten /
erfüllst du jedes Land mit deiner Schönheit. /
Du bist schön und groß, glänzend und hoch über allem Land. /
Deine Strahlen umarmen die Länder, und alles, was du erschaffen hast

Zum ersten Mal in der Geschichte ändert ein Pharao seinen Geburtsnamen in Echnaton, «einer, der wirksam ist für Aton» und übernimmt die persönliche Verantwortung inform von Richtlinien für ein Gesamtkunstwerk.
Große Teile des Gesamtkunstwerks Echnatons sind nach über dreitausend Jahren wie durch ein Wunder, von Naturgewalten unbeschadet, strahlend wieder auferstanden. Herrlich erhalten in den Pylonen Karnaks, im Sand von Amarna und im Grab Tutanchamuns. Wieder ist ein Versteck der Alten Welt entzaubert.
Was wir dagegen hinterlassen, hat keinen ästhetischen Wert. Die Entdeckung unserer Verstecke wird den Ungeborenen apokalyptische Todesqualen bereiten.

LTB 082 – Englischsprachige Lyrik aus vier Jahrhunderten Teil I

Was es braucht für eine Prärie

Es braucht für eine Prärie nur Klee und eine Biene,


Etwas Klee und eine Biene,


Und Träumerei.


Träumerei allein wird genügen,


Wenn keine Bienen fliegen.

Emily Dickinson

Englische Lyrik: Andrew Marvell (1621–1678), John Donne (1572–1631), George Herbert (1593–1633), George Etherege (1635–1691), William Blake (1757–1827), Thomas Moore (1779–1852), John Keats (1795–1821), Robert Browning (1812–1889), Dante Gabriel Rossetti (1828–1882), Thomas Hardy (1840–1928), Thomas Hood (1799–1845), William Henry Davies (1871–1940), Emily Dickinson (1830–1886), May Theilgaard Watts (1893–1975), Christopher Brennan (1870–1932), Bryan Guinness (1905–1992), Babette Deutsch (1895–1982), Sylvia Kantaris (geb. 1936),
Elizabeth Jennings (1926–2001), Lorma Leigh, Edna St. Vincent Millay (1892–1950), John Betjeman (1906–1984), Siegfried Sassoon (1886–1967), Mary E. Harrison (geb. 1921), George Barker (1913–1991), Constance M. M. Scott, Frances Mayo, Philip Larkin (1922–1985)

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Die zweisprachige Anthologie in drei Teilen ist das Ergebnis einer langjährigen intensiven Beschäftigung mit englischsprachiger Lyrik. Auch hier stand Pate die Idee, authentisches Wissen über das Wesen unserer Nachbarn aus dem reichhaltigen Fundus der Lyrik von vier verflossenen Jahrhunderten anzusammeln.

HAH Bd. 15 – Coda I / Coda II

Damals in Czernowitz und rundum

Erinnerungen eines Altösterreichers

 

Die lebenslange Trauer um den Verlust der unvergeßlichen ersten Heimat hat Drozdowski im hohen Alter in ein «Bedürfnis des Bewahrens umgemünzt» (Christa Hagmeyer) und der Bukowina in seinen Erinnerungen Damals in Czernowitz und rundum (1984) ein Denkmal gesetzt. Dabei ging es ihm nach eigenen Worten nicht darum, «Historie» zu schreiben und exakte Daten und Fakten zu sammeln, die ein Wißbegieriger in der Fachliteratur nachschlagen könne. Er habe sich darauf beschränkt, «Gelebtes festzuhalten», um «etwas vor dem Vergessenwerden zu bewahren», bevor es «dem Gedächtnis entrückt und in der Zeit versunken» sei. Indem Drozdowski der einstigen «Oase im Osten» erzählend Farbe und Leben verleiht, entstand, wie der Kärntner Kritiker Othmar Herbrich schrieb, «ein tief empfundener heimatlicher Bilderbogen, der viele kleine Geschichten sammelt wie die bunten Steinchen, die ein Mosaik ergeben sollen».

Du, weißt du, wie ein Rabe schreit?

Du, weißt du …

Du, weißt du, wie ein Rabe schreit?


Und wie die Nacht, erschrocken bleich,


nicht weiß, wohin zu fliehn?


Wie sie verängstigt nicht mehr weiß:


Ist es ihr Reich, ist es nicht ihr Reich,


gehört sie dem Wind oder er ihr,


und sind die Wölfe mit ihrer Gier


nicht zum Zerreißen bereit? ..

Du, weißt du, wie der Wind schrill heult


und wie der Wald, erschrocken bleich,


nicht weiß, wohin zu fliehn?


Wie er verängstigt nicht mehr weiß:


Ist es sein Reich, ist es nicht sein Reich,


gehört er dem Regen oder der Nacht


und ist der Tod, der schauerlich lacht,


nicht sein allerhöchster Herr?

In Deutschland angekommen

Obwohl sich die deutsche, christlich geprägte Kultur in einem völlig anderen Bild präsentiert als die Berichte aus der Literatur und seine eigene Vorstellungskraft es vermittelt hatten, entdeckt er – je länger er dort lebt – eine Liebe und Verbundenheit zu diesem Land und seinen Bewohnern. In Marburg mit seinem multikulturellen, studentischen Flair fand er schon bald sogar so etwas wie Heimatgefühl und patriotische Identität, obgleich ihm so manches in und um Marburg bis zum heutigen Tage fremd geblieben ist.

In 76 kurzweiligen, teils amüsanten, teils dramatischen Fragmenten stellt Khallouk das Leben und die Gesellschaft in Marburg aus der Perspektive eines Immigranten aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis dar, und ermöglicht uns dadurch eine Reflexion unserer deutschen Geschichte und Gegenwart sowie unseres vertrauten Alltags, wie sie ein hierzulande Aufgewachsener, in die deutsche Kultur Hineingeborener kaum erwecken kann. Zugleich lässt der Autor erkennen, dass trotz der zweifellos vorhandenen kulturell-religiösen Divergenzen zwischen Abend- und Morgenland in unseren menschlichen Bedürfnissen und Sehnsüchten die Gemeinsamkeiten überwiegen.

RTB 078 – Pont-Neuf

«Ich stelle ihn», schrieb einst Eugène Ionesco über André Breton (1896–1966), die zentrale Figur der surrealistischen Bewegung, «auf eine Stufe mit Einstein, Freud, Jung oder Kafka. Mit anderen Worten, ich betrachte ihn als einen der vier oder fünf großen Reformer des modernen Denkens.» Diese überragende Bedeutung Bretons manifestiert sich nicht nur in seinen «großen» Büchern (Manifeste des Surrealismus, Nadja, Die kommunizierenden Röhren, Amour fou etc.), sondern auch in der Vielzahl «kleiner» Schriften, die er veröffentlicht hat – Vorträge, Essays, Polemiken, Vor- und Nachworte usw. – und von denen hier einige, wie zuvor schon in dem Band Bindestrich. Texte 1952–1965 (Rimbaud Verlag 2008), in deutscher Erstübersetzung vorgestellt werden: Texte zum Surrealismus, zum Film, zur Kunst der Südsee, zum sog. Sozialistischen Realismus, zur Magie von Paris («Pont-Neuf») u.a.

Heribert Becker (1942–2015) arbeitete nach seinem Studium in Köln, Nancy und Paris (Germanistik, Romanistik) 30 Jahre lang als freier Autor für den Hörfunk. Ab Mitte der 70er Jahre spezialisierte er sich publizistisch mehr und mehr auf den Surrealismus. Als Autor, Ausstellungsmacher, Herausgeber und Übersetzer hat er bis heute über 80 Bücher publiziert, davon gut die Hälfte surrealistischen Inhalts: Anthologien sowie vor allem Übersetzungen von Autoren wie André Breton, Benjamin Péret, Leonora Carrington, Jacques Prévert u.a.