RTB 079 – Nacht würgt Europa

Tragödie in fünf Nächten

Für seine Tragödie Nacht würgt Europa legt Gong gleich zu Beginn Zeitpunkt und Ort des Geschehens fest: «Frühling 1942, in einem von den Hitlertruppen besetzten europäischen Staate». Jedoch das Land bleibt unbestimmbar mit einem Schauplatz, der sich mal universell gibt, indem er an Jugoslawien, Griechenland und den umkämpften Osten denken lässt wie auch an die Kulturinsel Siebenbürgen – und mal surreal, märchenhaft, utopisch.

Major Starnburgs Mitleid für Luise und Peter mutet zunächst merkwürdig an. Die beiden werden verdächtigt, mit Partisanen in Verbindung zu stehen und an einem Anschlag auf einen Militärzug beteiligt gewesen zu sein. Sie werden daher inhaftiert und zuerst Major Starnburg, dann Oberst Kritz vorgeführt. Seine Entschlossenheit, dem Paar zu Hilfe zu kommen, erklärt Starnburg damit, dass ihr Schicksal ihn an sein eigenes erinnere.

So reich wie das Drama an Motiven und kleineren Handlungssträngen ist, zieht sich der Themenkomplex Liebe – Verzweiflung – Tod unter dem Motto eines Heine-Gedichts durch das gesamte Bühnenstück. Indem Gong den Figuren Starnburg und Kritz dichterische Ambitionen verleiht, weist er auf die oft formulierte Frage hin, wie ein Land, das Dichter wie Goethe und Schiller hervorbrachte, zugleich die Vernichtung von Millionen von Menschen unternehmen konnte. Auch Anatols Dichtung ist Ausdruck seiner Liebe. Es wird deutlich, dass ein Künstlerdasein und das Leben eines Kämpfers einander ausschließen.

Der Ausgang der Tragödie ist für Unterdrücker wie Unterdrückte gekennzeichnet durch Verlust von Leben, Liebe und Integrität sowie Verzweiflung darüber, dass diese unter den vorherrschenden Verhältnissen keine Rolle spielen.

Alfred Gongs Drama Nacht würgt Europa wird hier zum ersten Mal veröffentlicht.

RTB 080 – Belphégor, das Phantom des Louvre

Die dreizehnteilige Serie «Belphégor, Le fantôme du Louvre» aus den Kindertagen des Fernsehens basierte auf dem Unterhaltungsroman von Arthur Bernède aus dem Jahre 1927. Er diente dem Regisseur als Grundidee für ein filmisches Meisterwerk, durchaus vergleichbar mit Alfred Hitchcocks «Vertigo» (Rodenbachs «Brügge, die Tote») oder – bleiben wir im deutschen Raum – mit Helmut Käutners «Zürcher Verlobung» (Barbara Noack).

Bernhard Albers

Heribert Becker (*1942) arbeitete nach seinem Studium in Köln, Nancy und Paris (Germanistik, Romanistik) 30 Jahre lang als freier Autor für den Hörfunk. Ab Mitte der 70er Jahre spezialisierte er sich publizistisch mehr und mehr auf den Surrealismus. Als Autor, Ausstellungsmacher, Herausgeber und Übersetzer hat er bis heute über 80 Bücher publiziert, davon gut die Hälfte surrealistischen Inhalts: Anthologien sowie vor allem Übersetzungen von Autoren wie André Breton, Benjamin Péret, Leonora Carrington, Jacques Prévert u.a.

Die Goldene Düne

Das Buch, dessen stilistische Brillanz besticht, [liefert] nicht nur tiefere Einsichten in die Voraussetzungen des «Arabischen Frühlings» und der gegenwärtigen weltpolitischen Situation, […] sondern sensibilisiert zugleich für die Sphäre des Künstlerischen und der Literatur.

Christoph Leisten, AN 27.9.2014

RTB 096 – Argana

Seit 1982 reist Christoph Leisten regelmäßig nach Marokko. Nach seinem Prosaband «Marrakesch, Djemaa el Fna» vermittelt uns Leisten mit weiteren Skizzen, Notizen und Prosaminiaturen zweifellos den bleibenden Eindruck einer einzigen «großen» Reise durch Marokko.

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WANN ENTSTAND in mir der Impuls, von diesem Land zu erzählen? Ich weiß es nicht mehr. Irgendwann war das Bedürfnis da: Befreiung und Sündenfall. Befreiung, weil es die Chance barg, sich all das Neue, das Fremde, das Andere zu vergegenwärtigen; Sündenfall, weil fortan nichts mehr sich unbedarft erleben ließ.

“DIE LEUTE aus Europa kommen immer wieder und sagen, dass sie die Marokkaner nicht verstehen, die Marokkaner nicht und auch nicht das Land”, bemerkt Noureddine heute. Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: “Ich kann ihnen nicht helfen. Niemand kann ihnen helfen. Der Punkt ist, dass wir Marokkaner uns ja selbst nicht verstehen.”

RTB 081 – Michael Guttenbrunner. Ein Autor verschwindet

Michael Guttenbrunner wurde 1919 in Althofen in Kärnten geboren. Er lebte seit 1954 in Wien, wo er 2004 starb. Seine präzise Arbeit am Text ist an Karl Kraus geschult. Mit seinem Werk ist er für die österreichische Literatur durchaus das, was Ludwig Hohl für die Schweiz bedeutet.

Der Rimbaud Verlag verliert die Rechte am Werk Guttenbrunners, sieben Jahre nach seinem Tod, obwohl der Autor schriftlich bestätigte, daß er nur in diesem Verlag sein Werk wissen wollte.

Wie es dazu kam, erfährt der Leser hier zum ersten Mal.

RTB 082 – Poesie der Malerei

Die Malerei von Otto Greis wird von dem Anspruch geleitet, die gegebene Fläche des Bildträgers im Bild selbst aufzulösen. Diese Vorstellung formuliert er 1960 in einem Brief an den Kunsthistoriker Karlheinz Gabler: «Viele Maler hören dort auf, wo das Problem der Malerei beginnt, bei der Durchdringung mit der dritten Dimension.» Doch nicht erst ab den 60er Jahren widmet sich Greis Problemen des «Raumkörpers», so der von ihm gewählte Begriff. Vielmehr begleitet ihn dieser als Grundton beständig und findet in den deutlich wechselnden stilistischen Phasen unterschiedliche Ausformungen.

LTB 080 – Erdichteter Mensch

Klagescherben um einen Freund

Ich schloß dir die Augen. /
Legte die Hände an ihren Platz. /
Deine Fußsohlen blicken mich mitleidig an: /
ich bin entbehrlich. /
Ich finde meine Hände, /
was soll ich mit meinen Händen tun. /
Ich setze die aufgesetzte Mütze auf, /
den geschlossenen Mantel knöpf ich zu. /

Der neue Friedhof ist weiträumig, /
ganz Zukunft. Von nah und fern, pausenlos /
der Singsang der Kantoren. /

Du schweigst, ein wenig verlegen: vielleicht /
ist es ein langer Abschied. /
Die Nägel wachsen langsam, schließen Frieden. /
Die Mundhöhle widerspricht ihrem Schöpfer nicht. /

Jetzt! jetzt! pochen Erdfäuste /
an die Bretter der Falle: /
öffne uns, öffne uns.

LTB 083 – Weg der Steinmalven. Poème collectif II

Rainer Maria Gerhardt hat zum ersten Mal in seiner Zeitschrift «fragmente» das Poème collectif erprobt. Ihm ist dieses Buch gewidmet.

der tod starb /
als er dich sah /
wurde er ein mensch /

sei still ganz still /
ich erzähle dir von ihm /
als ich wurde wie er /

nachts sitzt er auf seinem grab /
und lauscht ob jemand /
etwas sagt

Margot Ehrich

Sebastian Schau,
Margot Ehrich,
Julia Weiteder-Varga,
Hans Weßlowski.

Denkwürdigkeiten eines Antisemiten

Gregor von Rezzoris Bücher sind in der Regel im besten Sinne unterhaltsam, geprägt von Witz, Ironie und scharfer Beobachtungsgabe. Daher war er auch als Autor im Rundfunk und bei Illustrierten erfolgreich. Seit 1960 lebte er in Donnini (bei Florenz), wo er am 24. April 1998 starb. «Ich kann mich hinbegeben, wo ich will», hat der Autor einmal geäußert, «Czernowitz holt mich ein.»

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Als “Pflichlektüre für Demokraten” bezeichnet Sophie Klieeisen den Roman. Zur Rezension: HIER

Der Regenpassagier. El pasajero de la lluvia

Óscar Hahn, chilenischer Dichter mit deutschen Vorfahren, zählt in der spanischsprachigen Welt zu den bedeutendsten Gegenwartsdichtern. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem chilenischen Altazor-Preis (2003 und 2012), dem spanischen Literaturpreis Casa de América (2006), dem kubanischen Lezama-Lima-Preis (2008), dem Iberoamerikanischen Poesiepreis Pablo Neruda (2011) und dem Chilenischen Nationalpreis für Literatur (2012). Seine Gedichte wurden ins Englische, Griechische und Italienische übersetzt. Die erste deutschsprachige Ausgabe erschien im Frühjahr 2012 im Rimbaud Verlag unter dem Titel Liebe unter den Ruinen. Sie wurde auf einer Lesereise durch sieben deutsche Städte vorgestellt.

Das Interesse an Hahns Gedichten hat den Rimbaud Verlag ermutigt, bereits 2013 einen weiteren zweisprachigen Band unter dem Titel Der Regenpassagier zu veröffentlichen. Dieser enthält eine Auswahl von 50 Gedichten, die aus sechs Sammlungen von 1981 bis 2011 stammen.

Hahns Werk kreist seit seinen Anfängen als Dichter um die Themen Liebe, Tod, Vergänglichkeit, Krieg, Literatur, Kunst, Musik, Philosophie, Psychologie, Erotismus und das Fantastische. Im Unterschied zu Liebe unter den Ruinen liegt im Regenpassagier ein stärkeres Gewicht auf Gedichten, die nach seiner Rückkehr nach Chile – Hahn lebte von 1974 bis 2008 in den Vereinigten Staaten – entstanden sind. Nachdem das deutsche Lyrikpublikum im ersten Band in einer Werkeinführung mit der Dichtung Hahns vertraut gemacht worden war, steht am Anfang dieser Sammlung ein Essay, der Verbindungslinien zwischen dem Werk und der Person des Dichters aufzuzeigen sucht.