LTB 095 – An die Wand gemalt

Wenn der letzte Morgen kommt

Wenn der letzte Morgen kommt, /
hat sein Abend andere Sterne, /
und zur Nähe wird die Ferne, /
wenn der letzte Abend kommt.

Wenn der letzte Abend naht, /
gehst du in den ersten Morgen. /
Dir erschließt sich, was verborgen, /
wenn der erste Morgen naht.

Von dem Ganzen Teil zu werden, /
fordert dich die Ewigkeit. /
Sei ergriffen und bereit, /
von dem Ganzen Teil zu werden.

Abend, Morgen werden eins, /
alle Zeit ist aufgehoben. /
Nur noch Rühmen, nur noch Loben, /
werden Morgen, Abend eins.

LTB 096 – Jahreszeiten

Sommerlicher Garten

Grüne Wildnis, hinter dem Zaun zu schauen: /
Blätterschatten und Wipfelneigen, /
Und der Laube Geheimnis, bienenumbraust, /
Herbergende /
Zelle der Liebe, /
Und neben dem Kiesweg, das Beet, /
Wo das Blumenvolk haust, /
Und über dem Wasserfaß steht /
Wie aus Gold die Libelle – /
Ach, daß es so sommerlich bliebe!

LTB 097 – Gedichte

Sprich nicht immer


Von dem laub,


Windes raub,


Vom zerschellen


Reifer quitten,


Von den tritten


Der vernichter


Spät im jahr.


Von dem zittern


Der libellen


In gewittern


Und der lichter


Deren flimmer


Wandelbar.

«Durch Anmerkungen in Gedichtbänden sucht, findet und markiert man seine Lieblinge», notiert der Autor Norbert Hummelt. Johannes Bobrowski und Alfred Kittner beispielsweise gingen einen Schritt weiter: Sie stellten für den privaten Gebrauch handschriftliche Anthologien mit Lieblingsgedichten aus verschiedenen Epochen zusammen.

Die vorliegende «Gebrauchsauswahl» konzentriert sich dagegen ganz auf das Werk Stefan Georges und zwar chronologisch. Die Gedichte selbst sind von unbekannter Hand in feiner Tusche mit den bei George typischen Buchstaben abgeschrieben. Dieses schlicht gebundene Buch, mit gutem Papier, macht durchaus den Eindruck eines Poesiealbums. Gewidmet und datiert ist es für einen Freund, von dem wir nur den Vornamen erfahren.

LTB 098 – Winkel am Wald

Winkel am Wald

An Karl Minnich

Braune Kastanien. Leise gleiten die alten Leute /
In stilleren Abend; weich verwelken schöne Blätter. /
Am Friedhof scherzt die Amsel mit dem toten Vetter, /
Angelen gibt der blonde Lehrer das Geleite.

Des Todes reine Bilder schaun von Kirchenfenstern; /
Doch wirkt ein blutiger Grund sehr trauervoll und düster. /
Das Tor blieb heut verschlossen. Den Schlüssel hat der Küster. /
Im Garten spricht die Schwester freundlich mit Gespenstern.

In alten Kellern reift der Wein ins Goldne, Klare. /
Süß duften Äpfel. Freude glänzt nicht allzu ferne. /
Den langen Abend hören Kinder Märchen gerne; /
Auch zeigt sich sanftem Wahnsinn oft das Goldne, Wahre.

Das Blau fließt voll Reseden; in Zimmern Kerzenhelle. /
Bescheiden ist ihre Stätte wohl bereitet. /
Den Saum des Walds hinab ein einsam Schicksal gleitet; /
Die Nacht erscheint, der Ruhe Engel, auf der Schwelle.

Einsame Weihnachten

Gedichte von Rose Ausländer, Hans Bender und Immanuel Weißglas.

Weihnachtsgedichte in deutscher Sprache, geschrieben nach 1945. Texte von drei sehr unterschiedlichen Dichtern sollen zeigen, in welchen Ausdrucksformen das in jener Zeit noch möglich war. Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen – aus der Bukowina vertrieben – Rose Ausländer (1901–1988) nach New York und Immanuel Weißglas (1920–1979) nach Bukarest; beide jüdischen Dichter schrieben Weihnachtsgedichte, Rose Ausländer auf Englisch, Weißglas – obwohl er nie in Deutschland gelebt hatte – auf Deutsch. Um dieselbe Zeit verfasste Hans Bender (1919–2015), wenig später Mitbegründer der Zeitschrift «Akzente», ein denkwürdiges Weihnachtsgedicht in sowjetischer Gefangenschaft.

Heinrich Detering

Celan Studien (Neue Folge) 05 – Paul Celans «unbequemes Zuhause»

Inhalt:

Einleitung

Paul Celan Student an der Sorbonne

Paul Celan – vom «Staatenlosen»
zum französischen Staatsbürger

Im französischen Hochschuldienst

Schmuggelware.
Zur «biographischen» Wende in der Celan-Forschung

Zwei Frauen

 

Germanistische Mitteilungen veröffentlicht in Nummer 44.2 (2018) eine Rezension von Jan Roelans

Leidland. País del dolor

Was ihm sein Heimatland Argentinien an Leid zumutete, geht weit über das hinaus, was Menschen gemeinhin zu ertragen vermögen. Dass Gelman nicht an seinem Schicksal zerbrach, hat er vor allem der Poesie zu verdanken. So hinterfragt er auch in seinen späten Gedichten das grausame Geschehen unter der Militärdiktatur und dessen schwierige Aufarbeitung nach der Rückkehr zur Demokratie. Neben dem Leid und der Poesie kreisen seine Gedichte um die Themen Kindheit, Liebe, Tod und soziale Gerechtigkeit, die er immer wieder aufgreift und aus anderen Perspektiven beleuchtet. Gelmans Dichtkunst – «Die Bäume zeigen ihr Alphabet», heißt es im Gedicht «Neuigkeiten» (S. 119) – reicht von einem «gesprochenen Guernica» (Jorge Boccanera) bis hin zu feinsinnigen und schönen, meist seiner zweiten Frau Mara gewidmeten Liebesgedichten. Wer von einem politischen Kopf wie Gelman politische Lyrik im Stile des sozialistischen Realismus eines Louis Aragon erwartet, wird enttäuscht sein; wer hingegen Sinn hat für außergewöhnlichen Bilderreichtum, eingebettet in eine fein gewobene Alltagssprache, wird bei Gelman seine Freude haben:

Jemand gießt die Sterne,
und das Holz wächst.

(«Herbsten»)

RTB 099 – Wannsee

Kleist gab keine Antwort, ging hin und her, hämmerte sich mit der Faust an die Stirn und befahl nach einer Weile dem herbeizitierten Hausdiener, er möge vier Lichter bringen, die während der ganzen Nacht brannten. Es fröre ihn, sagte Kleist, es fröre ihn, obwohl im Ofen das Feuer brannte, es fröre ihn.

Bachmann beschreibt Kleists letzte Tage in einer farbigen, Kleist nahen Sprache.

HAH Bd. 17 – Grün vor Blau. Über die Grenze

Der Autor, geboren am 20. Juni 1904 in Berhometh am Pruth, lebte bis 1930 vorwiegend in der Bukowina, dann in Bukarest. 1941 bis 1944 war er in Arbeitslagern der rumänischen Faschisten interniert; 1947, verschleppt nach Rußland, verschwand er für 10 Jahre im Gulag. 1961, wieder politisch verfolgt, mußte er aus Rumänien fliehen und kam nach Deutschland. Er starb am 17. Mai 2003 im Schwarzwald.

Die Kindheit erlebte er bis zum 1. Weltkrieg in den Dörfern zwischen Pruth und Czeremosch in einer kinderreichen Bauernfamilie. Dann folgten Flucht, der Tod des Vaters, völlige Verarmung; danach Wanderjahre auf Arbeitssuche.
Weiteres zum Lebenslauf im Essay von Matthias Huff.

Die ersten fünfzehn Jahre dieses Lebens, das noch viele Katastrophen unseres Jahrhunderts durchlaufen sollte, schildert der Dichter im vorliegenden Hörbuch.

Sprecher: Nikolaus Paryla
mit einem 40-seitigen Booklet

Kindheit. Fragment einer Autobiographie (Hörbuch)

Der Autor, geboren am 20. Juni 1904 in Berhometh am Pruth, lebte bis 1930 vorwiegend in der Bukowina, dann in Bukarest. 1941 bis 1944 war er in Arbeitslagern der rumänischen Faschisten interniert; 1947, verschleppt nach Rußland, verschwand er für 10 Jahre im Gulag. 1961, wieder politisch verfolgt, mußte er aus Rumänien fliehen und kam nach Deutschland. Er starb am 17. Mai 2003 im Schwarzwald.

Die Kindheit erlebte er bis zum 1. Weltkrieg in den Dörfern zwischen Pruth und Czeremosch in einer kinderreichen Bauernfamilie. Dann folgten Flucht, der Tod des Vaters, völlige Verarmung; danach Wanderjahre auf Arbeitssuche.
Weiteres zum Lebenslauf im Essay von Matthias Huff.

Die ersten fünfzehn Jahre dieses Lebens, das noch viele Katastrophen unseres Jahrhunderts durchlaufen sollte, schildert der Dichter im vorliegenden Hörbuch.

Sprecher: Nikolaus Paryla
mit einem 40-seitigen Booklet