Tuvia Rübner lesen

Beiträger:

Tuvia Rübner, Jürgen Nelles, Christian Moser, Johannes von Vacano, Arno Hammer, Jon Gestermann, Richard Dove, Christoph Meurer, Franziska Schmidt, Georg-Michael Schulz, Karin Lorenz-Lindemann, Uwe Pörksen, Matthias Fallenstein, Susanne Düwell, Konstantin Kaiser, Hanna Zehschnetzler, Kuno Lorenz, Jürgen Brôcan, Gundula Schiffer, Frank Schablewski, Christine Radde, Bernhard Albers, Michael Braun, Christian Echle, Henning Backhaus, Claudia Schwarz, Hans-Jürgen Schrader, Hans Otto Horch, Christoph Meckel.

Tuvia (zu deutsch Tobias) Rübner, 1924 in Bratislava-Pressburg geboren, die Muttersprache deutsch, entkam als einziger seiner Familie im letzten Augenblick dem Meuchelmassen- und Raubmord ins damalige Palästina, das heutige Israel. «Es ist Zufall, dass ich lebe», sagt er. Und dennoch schreibt er 12 Jahre lang deutsche Gedichte in einer Sprache, die er nicht mehr spricht, bis er 1953 völlig ins Hebräische hinüberwechselt (hie und da noch ein deutsches Gedicht, ins Hebräische übersetzt) und schließlich den Israelpreis, die höchste Auszeichnung, erhält. Von der Kritik wird er zu den erstrangigen europäischen Nachkriegsdichtern gezählt.

Der Band versammelt sowohl Beiträge zu den Gedichten wie zur Autobiografie Tuvia Rübners, Erinnerungen an Begegnungen und Gespräche mit dem Dichter sowie einige bisher unveröffentlichte Gedichte.

LTB 106 – Zeichensprache

Würzburg, Lusamgärtlein, Walthers Grab

Hier ist einer, den kennen wir nicht. Keiner von uns. Unsere Füße rühren an seinen Staub, und die Sperlinge pudern darin ihr Gefieder, bevor sie fortfliegen, über den Stein hinweg. Wer hätte ihnen Körner gestreut, im Auftrag dessen, den wir nicht kennen? Das Licht sättigt sie nicht, das aus dem Sommer­himmel herabfällt, herab von der Kuppel des Münsters, herab aus dem Laubwerk. Unsere Bilder sättigen sie nicht, die wir hier aufstehen lassen und wandeln. Aber der Wink dessen, der thront in den Rundbögen über dem Grab, weidet auch sie.

LTB 091 – Drei Erscheinungen

Der schottische Dichter James Macpherson sieht im achtzehnten Jahrhundert die toten Helden Ossians. Die heilige Bernadette Soubirous sieht im neunzehnten Jahrhundert die Jungfrau Maria. Der amerikanische Schriftsteller H. P. Lovecraft sieht in seinen Horrorgeschichten die Monstren des zwanzigsten Jahrhunderts. Um drei historische Gestalten, ihre Stimmen, Visionen und Träume geht es in diesem poetischen Triptychon, einem Experiment zwischen Cento und Collage, Erzählung und Gedicht.

RTB 088 – dement

Wir sind so Stoff
wie Träume draus gemacht
und unser wenig Leben
gerundet ist’s von einem Schlaf

«Demenz ist für mich eine Art von hart aufscheinender Poesie geworden: Orts- und Wort-Verrückung; verschiedenste, nicht von der gleichen Ebene stammende Bewusstseinsterrains aneinander geschoben; scheinbar Zusammengehörendes zerbrochen. Schweigen. Weißer Raum. – Dies alles folgt für mich einer eigenen, von Mensch zu Mensch und vom Verlauf der jeweiligen Demenz her immer wieder neu zu erspürenden Logik.»
Lioba Happel

Lioba Happel spricht in ihrer Erzählung dement tatsächlich uns alle an und aus. Sie verwandelt ihre emphatischen Beobachtungen der Krankheit in Sprach-Bilder, die so evident wie einprägsam sind. Man merkt diesem beeindruckenden Buch an, dass ihm noch mehr und anderes zugrunde liegt als Lioba Happels Sprachkunst oder ihr intensiver Umgang mit demenzkranken Menschen. Die Autorin gehört zu einer Generation, die sich mit der Sprachlosigkeit der Eltern auseinandersetzen musste, insofern es um das Trauma des Krieges und Gefühle ging. Aus dieser historischen Perspektive betrachtet, hatte es die Nachkriegsgeneration mit einem kollektiven Vergessen zu tun, das von kollektiver «Demenz» nicht weit entfernt war. Daher der Wunsch, eine Sprache für das Unaussprechbare, und eine Gefühlssprache für unaussprechliche, verdrängte oder verschüttete Gefühle zu finden.
Jan Koneffke, Büchermarkt, Deutschlandfunk

 

DIE ZEIT veröffentlichte am 26. Juni 2015 unter dem Titel «Wie Seekranke in einem Boot» eine Rezension von
Hans-Peter Kunisch.

LTB 090 – Rimbaud in Luxor. Das Alte Ägypten im deutschen Gedicht

Nil-Sein

Im Lande Licht, im Lande Leer,


Einödegebunden,


Liegen sie verstreut umher,


Die Sterne, die Stunden.

Cheopsfriede,


Nilblaues Sein,


Zeitpyramide


Aus Sonne und Stein.

Immanuel Weißglas

Die Autoren dieses Bandes sind:

Elisabeth Axmann,
Bertolt Brecht,
Johann Wolfgang von Goethe,
Reinhard Kiefer,
Oskar Loerke,
Hartwig Mauritz,
Robert Musil,
Rainer Maria Rilke,
Karl Schwedhelm,
Immanuel Weißglas,
Julia Weiteder-Varga

RTB 085 – Michael Guttenbrunner posthum rehabilitiert?

Michael Guttenbrunner wurde 1919 in Althofen in Kärnten geboren. Er lebte seit 1954 in Wien, wo er 2004 starb. Seine präzise Arbeit am Text ist an Karl Kraus geschult. Mit seinem Werk ist er für die österreichische Literatur durchaus das, was Ludwig Hohl für die Schweiz bedeutet.

Die Wehrmachtsakten im Österreichischen Staatsarchiv lassen keinen Zweifel daran, daß Guttenbrunner weder aktiv gegen das Hitlerregime Widerstand leistete, noch aus diesem oder einem anderen Grunde zum Tode verurteilt wurde. Läßt sich von daher seine Dichtung mit jener des Stephan Hermlin vergleichen? Dieser hatte nämlich behauptet, 1934 im KZ Sachsenhausen gewesen zu sein, also zu einem Zeitpunkt, wo es noch gar nicht errichtet war. Das Buch versucht darauf eine Antwort zu geben.

«Eines Tages wird sich unser Verlagsprogramm bei einer bestimmten Käuferschicht, jenseits des Bestsellerrummels und Feuilletongeklüngels durchsetzen.» (Bernhard Albers in einem Brief an Michael Guttenbrunner vom 15. August 1992)

LTB 099 – Gottes Mühlen in Berlin

Die vorliegende Ausgabe nimmt sich vor, das Buchprojekt mit dem Titel Gottes Mühlen in Berlin von Immanuel Weissglas zu rekonstruieren, das 1947 von der Publikation in Bukarest aus unklaren Gründen – sei es politischer, sei es ökonomischer Natur – gestoppt wurde und nie mehr in der geplanten Gestaltung erschien. Daraus wurden im Laufe der Zeit nur einzelne Gedichte zur Veröffentlichung ausgewählt; Weissglas selbst hat zahlreiche Texte zu neuen Fassungen überarbeitet und diese in den Gedichtband Der Nobiskrug (1972) übernommen.

Totenreigen

Hörst du, im fremden Land, den Totenreigen, /
Der wild zu Erden zieht den letzten Leib? /
Die schwarzen Himmel hängen voller Geigen /
Und jede Wolke ist ein Klageweib.

Die Sterbegeigen haben ihre Grillen, /
Wir zupfen unsre Gräber in die Luft. /
Das Bahrtuch ist die Nacht, dich zu verhüllen, /
Der Mond ein Schädel und der Wind die Gruft.

Hier ist das Grab nicht tief, der Staub gemeiner, /
Und welk das Laub, das deine Locke barg. /
Der Tod ist, wie der Herbst, ein ernster Schreiner: /
Was seiner Hand gerät, ist stets ein Sarg.

Und was ich greife, sind zum Tanz die Saiten, /
Der uns von Lebenden im Taumel schied: /
Dass wir jetzt süss im Arm des Todes gleiten, /
Zur Lieb im Herzen und im Schritt zum Lied.

LTB 100 – Die Welt kennt keine Poesie

100 Gedichte von 100 Autoren

Nil-Sein

Im Lande Licht, im Lande Leer,


Einödegebunden,


Liegen sie verstreut umher,


Die Sterne, die Stunden.

Cheopsfriede,


Nilblaues Sein,


Zeitpyramide


Aus Sonne und Stein.

Immanuel Weißglas

Hundert Autoren werden jeweils mit einem Gedicht vorgestellt, soweit es im Rimbaud Verlag – dessen Programm von mir nun schon 35 Jahre lang gestaltet wird – erschienen ist. Zugleich eröffnet sich mit den zahlreichen Übersetzungen so etwas wie ein bescheidener Blick auf die Weltliteratur.

Die Gedichte wurden nicht mühsam und mit viel Überlegung zusammengestellt, sondern ganz spontan und rein chronologisch. Kein Gedicht musste verworfen werden, weil sich alle, meines Erachtens, auf wunderbare Weise zu einem Mosaik zusammenfügten.

Von einigen Autoren, das sei hier einmal gesagt, war es mir nicht vergönnt, eine Auswahl ihrer Gedichte im Rimbaud Verlag herauszubringen. So von Gottfried Benn, Wilhelm Lehmann, Paul Celan und Nelly Sachs beispielsweise.

RTB 089 – Doktor Alzheimer bittet zu Tisch

Im Jahr 2015 jährt sich zum 100. Mal der Tod Alois Alzheimers, des Entdeckers der nach ihm benannten Demenzerkrankung.

Die Beschäftigung mit dem Gehirn, mit dem Denken, mit dem Wissen und mit den Abgründen der Gehirnkrankheiten nimmt ständig zu. Was ist da oben alles in unserem Denkstübchen los! Die Wissenschaft forscht. Unser Gehirn ist zum Glück oder zum Unglück aber immer noch eine Terra incognita. Und was wird ihm alles zugemutet in unserem Beschleunigungs­wahnsinn! Konstruktionen. Destruktionen. Was sollen wir denn noch alles speichern. Was türmt sich da alles auf in löchrigen Wänden, die bis ins Weltall reichen. Wieviel Sicherungen sind schon durchgebrannt? Alles sehr dramatisch. Gefahren und Überforderungen. Da nützen alle Suchmaschinen nichts.
Das Gehirn ist weiter weg als die Sterne.

Inhalt:

Einleitung
Wo mein Kopf ist weiß ich nicht (Gedicht)

Doktor Alzheimer bittet zu Tisch

Die Fernsehphilosophin

Eine Skulptur ist auch nur ein Mensch

Friedas Schmetterlinge

Dornröschenschlaf

Nachwort

LTB 094 – Englischsprachige Lyrik aus vier Jahrhunderten Teil III

Hymne für die dem Tod geweihte Jugend

Welch Sterbegeläut für die, die sterben wie das Vieh?


Nur das riesige Wüten der Kanonen.


Nur ratterndes Rasen stotternder Gewehre


Kann hinausprasseln ihre hastigen Gebete.


Nichts mehr höhnt ihnen, nicht Beten oder Läuten,


Noch irgendein Trauergesang, nur die Chöre, –


Die irren, schrillen Chöre heulender Granaten;


Und Hörner rufen nach ihnen aus trauriger Heimat.

Wilfred Owen

Englische Lyrik: Edmund Waller (1606–1687), George Herbert (1593–1633), Percy Bysshe Shelley (1792–1822), Elizabeth Barrett Browning (1806–1861), Christina Georgina Rossetti (1830–1894), Mary Gilmore (1865–1962), Thomas Hardy (1840–1928), William Henry Davies (1871–1940), Lorma Leigh (verfasst um 1910), Alfred Noyes (1880–1958), William Butler Yeats (1865–1939), Edna St. Vincent Millay (1892–1950), Margaret Widdemer (1884–1978), Wilfred Owen (1893–1918), Siegfried Sassoon (1886–1967), Rupert Brooke (1887–1915), May Herschel-Clarke (verfasst 1915), Charles H. Sorley (1895–1915), John Gillespie Magee (1922–1941), John Betjeman (1906–1984), Ella Wheeler Wilcox (1850–1919), Fleur Adcock (geboren 1934), Sylvia Kantaris (geboren 1936), Elizabeth Jennings (1926–2001), Erica Jong (geboren 1942), Laurence Lerner (geboren 1925), Harold Monro (1879–1932), Christopher Brennan (1870–1932)

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Die zweisprachige Anthologie in drei Teilen ist das Ergebnis einer langjährigen intensiven Beschäftigung mit englischsprachiger Lyrik. Auch hier stand Pate die Idee, authentisches Wissen über das Wesen unserer Nachbarn aus dem reichhaltigen Fundus der Lyrik von vier verflossenen Jahrhunderten anzusammeln.